Liturgischer Impuls am Dienstag, 02.März 2021

Elemente Geschwisterlicher Spiritualität nach Franz und Klara von Assisi

Diese Doppelberufung als Mann und als Frau in die Nachfolge Jesu ist eine spannende und reiche Berufung. Was können die beiden Menschen von damals uns heute sagen? Was können sie uns heute vielleicht neu ins Bewusstsein rufen? Ich lade Sie ein, ein Element der Geschwisterlichen Spiritualität neu zu entdecken.

 

 Element Drei  –

EINEN GESELLSCHAFTLICHEN STANDORTWECHSEL VOLLZIEHEN

Die Bekehrung von Franz war verbunden mit einem sozialen Standortwechsel. Franz verlässt mit seinen Gefährten die Oberstadt der Reichen Assisis (der „maiores“) und begibt sich vor die Tore der Stadt. Er will ein „minores“ ein, ein Minderer. Dies ist nicht im Sinne einer moralischen Kategorie der Minderwertigkeit zu verstehen, sondern als eine theologische und zugleich soziale Kategorie des Dienens (vgl. Mt 25,40.45; Lk 22,26).

Doch wie ist der Weg von Klara weitergegangen, nach dem sie Portiuncula verlassen hatte: In der Benediktinerinnenabtei San Paolo findet sie zunächst als Magd Asyl. Sie bricht endgültig mit ihrer Standesordnung, und zieht sich dadurch endgültig den Zorn ihrer Familie, die immer wieder versucht sie zu sich zurückzuholen. Die Zeit in der Abtei San Paolo ist somit eine Auseinandersetzung mit zahlreichen Widerständen, nicht nur mit der Familie sondern auch mit der eigenen Einsamkeit und somit mit sich selbst – sie stellt sich ihren Sehnsüchten und Ängsten.

Klara vorzieht einen radikalen Standortwechsel. Sie war im Adelstand und verzichtet freiwillig auf ihre soziale „Kaste“. Sie macht sich ebenfalls mit Christus gleich, und folgt ihm als Arme Schwester mit einem neuen Lebensmotto; „Nackt dem nackten Christus folgen“. Das Privileg ihrer freiwillig gelebten Armut, und eine Solidarität mit den Armen außerhalb der Standmauern, entfaltet sich später bei ihr ebenfalls zu einer sozialen Kategorie des Dienens.

Meditation:

Gott ruft, ihm im Unbekannten zu begegnen. Gott ruft, sich auf seinen Weg einzulassen und sich dem Kampf gegen äußere und innere Widerstände zu stellen: einem Kampf um etwas, das man nicht erkämpfen kann.

Franziskanische Spiritualität heute: Gesellschaftlicher Standortwechsel hin zu den Armen. Kritische Sicht von Systemen, die zu Ungerechtigkeit und zur Benachteiligung der Armen führen: Kolonialismus, Imperialismus, Globalisierung usw. Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen

Aus dem Tagesevangelium nach Matthäus 23, 1-12

In jeder Zeit wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger und sprach: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Moses gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen. Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um Lasten zu tragen. Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sei machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, bei jedem Festmahl möchten sieden Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi – Meister – nennen.

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr aber seid Brüder und Schwestern. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen: denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Evangelium, frohe Botschaft unseres Herren Jesus Christus

Kurze Erklärung zum Hintergrund der Reihe der Geschwisterlichen Elementen: 

Die Berufung von Franz und Klara war es, das Evangelium (griech. = gute Nachricht) zu leben. Bedingt durch die Vielfalt des Evangeliums ist es immer nur möglich, bestimmte Aspekte hervorzuheben und in eine bestimmte Lebensweise umzusetzen. Die Spiritualität (spiritus: latein. = Geist) eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen ist daher geprägt von dem Blickwinkel, von dem er bzw. sie auf das Evangelium schaut und von den Erfahrungen, die sein bzw. ihr Leben geprägt haben.

Da auch das Leben und Wirken von Franz und Klara äußerst vielfältig und vielschichtig sind, beschränkt sich die Darstellung auf einige wesentliche Grundzüge seiner bzw. ihrer Spiritualität sowie kurzer Hinweise auf Bestandteile einer Geschwisterlichen Spiritualität heute.

Text: Franz-Josef Herzog und Grundauszüge aus der Reihe von Br. Stefan Federbusch OFM.

Musik: Marco Gulde – Aufnahme „Ich bitte Dich Gott, schenke mir“ vom 26.02.2021  

Bilder privat: Klosterkapelle San Damiano in Assisi.