Be-Geisternd: Pfingsten in Stein gemeißelt

Dies ist der sechste Beitrag in einer Reihe von Artikeln zur Pilgerfahrt der Pfarrei Auf den Spuren des Heiligen Martin .

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„Das 12. war das große Jahrhundert von Vézelay und das Jahr 1146 dessen Glanzpunkt. Das Schiff war vollendet und der Narthex in Angriff genommen. Auf den Abhängen des berühmten Hügels rief der heilige Bernhard in Gegenwart des Legaten von König Ludwig VII. zum zweiten Kreuzzug auf. Die Heiligkreuz-Kapelle, die spätere La Cordelle, wurde erst 1150 als Erinnerung an dieses Ereignis errichtet.“ (Claude Jean-Nesmy).

Vézelay an Pfingsten, Wikimedia Commons

„‚La colline inspirée‘, so nannte der französische Schriftsteller Maurice Barrès Vèzelay, diesen besonderen Ort im Herzen Burgunds. ‚Der vom Geist erfüllte Hügel‘ wird von der berühmten Basilika Sainte-Marie-Madeleine bekrönt. Der Geist, genauer gesagt die Herabkunft des Heiligen Geistes, ist auch das Thema des gewaltigen Portals, das sich zwischen Vorhalle und Mittelschiff der Pilgerkirche auftut. Das über neun Meter breite und aus neun Steinblöcken bestehende Tympanon ist gleichermaßen Faszinosum und Rätsel der Kunstgeschichte. Während das ursprüngliche Portal in der Außenfassade im Zuge der Französischen Revolution zerstört wurde, hat sich im Schutze der Vorhalle ein Ensemble aus zentralem Hauptportal und zwei kleinen Seitenpforten aus der Zeit um 1120-40 erhalten.

Inneres Hauptportal
Tympanon

Trotz erheblicher Beschädigungen ist das Thema des großen Tympanons schnell ausgemacht: Pfingsten. Auf den ersten Blick lässt sich die übergroße Christusgestalt inmitten der Apostel erkennen. Christus sitzt höchst elegant, Kopf und Oberkörper frontal und die Beine seitlich wie im ‚Damensattel‘ weggeklappt, auf einem aufwändig dekorierten, doch auch etwas windschiefen Thron. Seine Arme sind ausstreckt, sodass die beiden großen Hände seitlich über den Rand der Mandorla herausragen, die die Gestalt Christi samt Kreuznimbus umfängt. Von den Fingerspitzen Christi gehen wie Strahlenbündel steinerne Stege aus, die eine Verbindung zu den Häuptern der Apostel herstellen. Die Apostel sitzen, teilweise hintereinander gestaffelt, in unterschiedlichen, meist lebhaften Posen und halten jeweils ein Buch in Händen. Mantelzipfel flattern, Gewandsäume werden wie von einem Wind gelüpft und an der Hüfte und dem linken Knie Christi bilden sich gar spiralige Wirbel. ‚Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen‘ (Apg 2,2). Die Figuren mit ihren bewegten Gewändern erscheinen wie von diesem Sturm erfasst. Der moderne Betrachter, an Abstraktion gewöhnt, könnte in den ungeheuer dynamischen und betörend schönen Faltenspiralen auf dem Gewand Christi im Zentrum des Tympanons ein Symbol für das Wehen des Geistes erkennen. Die steinernen Stege bleiben nüchterne Hilfslinien, während die Figuren und ihre Gewänder lebendig werden.

Doch anders als in der Pfingsterzählung der Apostelgeschichte ist hier Jesus gegenwärtig und der Heilige Geist geht von ihm aus. Damit scheint der Auftraggeber Position zu beziehen in dem damals schon Jahrhunderte währenden theologischen Streit um das „Filioque“. Gemeint ist die Frage, ob der Geist vom Vater und vom Sohn oder nur vom Vater ausgehe. Sie wird bis heute in West- und Ostkirche unterschiedlich beantwortet. Die Textquellen sind nicht eindeutig. In seiner Pfingstpredigt scheint Petrus geradezu die Skulpturen von Vézelay zu kommentieren: ‚Da er [Jesus] nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört‘ (Apg 2,33). So ließe sich auch die monumentale und gewissermaßen ‚erhöhte‘ Erscheinung Christi als Richter auf dem Thron erklären.

Pfingsten gilt als Geburtsstunde der Kirche. Nach der Mitte des 12. Jahrhunderts erscheint oft Maria als Personifikation der Ecclesia im Zentrum der Pfingstdarstellungen. Denkbar ist, dass hier in Vézelay Petrus so eindringlich mit seinem Schlüssel hantiert, um zu zeigen, wie sorgsam er den Gnadenschatz der Kirche verwaltet. Vielleicht auch ein Programmbild der Gregorianischen Reform? Vézelay gehörte seit 1058 zu Cluny, das die Reform intensiv unterstützte und dessen Patrone im Übrigen die Apostelfürsten waren.

Archivolte des Tympanons, die Panotier, Zodiaque – Echter

Diejenigen, ‚die fern sind‘ und dennoch den Heiligen Geist empfangen werden, haben die Bildhauer von Vézelay auf unvergessliche Weise ebenfalls ins Bild gesetzt. Auf dem Türsturz und in der inneren Archivolte, hier in kastenförmige Bogensegmente gegliedert, sind auch die mythischen und monströsen Völker fernster Weltgegenden dargestellt. So sind rechts am Türsturz die Pygmäen zu sehen, die so kleinwüchsig sind, dass sie ihre Pferde mittels Leitern besteigen. Rechts von ihnen lassen sich die schon von Plinius d. Ä. erwähnten Panotier mit ihren Riesenohren identifizieren, in die sie sich des Nachts wie in eine wärmende Decke einwickeln können. Weiter oben, rechts und links neben dem Haupte Christi, sind die Kynokephaloi und die Scirithen dargestellt. Erstere haben Hundeköpfe, leben im fernen Indien und können nur bellen, Letztere leben ebenfalls in Indien und tragen eine Art Schweinerüssel statt einer Nase im Gesicht. Kenntnis von den exotischen Weltgegenden und ihren sonderbaren Bewohnern lieferten die antiken und mittelalterlichen Schriftsteller.

Es scheinen nicht nur fremde Völker, sondern mitunter auch menschliche Gebrechen und Defekte gemeint zu sein. Im dritten Bogensegment von links werden Menschen mit wie Flammen züngelndem Haupthaar gezeigt, das häufig für Besessenheit steht. Im selben Kompartiment hockt ein Mensch mit übergeschlagenem Bein, der einen Dorn aus seinem Fuß zu entfernen sucht. Dieser antike Typus des ‚Dornausziehers‘ wurde im Mittelalter als Sinnbild des Heidentums gedeutet bzw. des Sünders, den der Stachel der Sünde quält. Sieht man in Vézelay auch den Missionsauftrag Jesu ins Bild gesetzt, so kann es nicht nur um Predigt und Taufe gehen. Die Jünger sollten in alle Welt gehen und predigen, aber auch böse Geister austreiben und den Kranken die Hände auflegen (Mk 16,15f). Alle sollten Gottes Heil erfahren, auch die, ‚die fern sind‘.“ (Elisabeth Peters).

Hauptschiff nach Osten am 23. Juni 1976, 14h27, Wikimedia Commons

„Mit ihren Skulpturen und ihrer Architektur, in der die Lichtmystik eine tragende Rolle spielt, ist die Basilika Sainte-Madelaine eine der Höhepunkte der romanischen Kunst in Europa. Der Innenraum ist auf eine Lichtsteigerung nach Osten angelegt. Am Tag des höchsten Sonnenstandes, also immer am 21. Juni, aber auch an den Tagen zuvor und unmittelbar danach, fällt das Sonnenlicht in der Mittagszeit derart durch die Fenster im südlichen Obergadens, dass sich in der Mittelachse der Kirche eine Abfolge von Lichtreflexen auf dem Boden spiegelt, die eine geradlinige Verbindung zwischen dem Pfingstportal und dem Altar herstellt. Im Weiterwandern des Sonnenlichts nach Westen bewegt sich der Lichtweg auf den Altar zu. Der Gläubige wird dergestalt selbst auf einen Weg des Lichts geführt, so wie er zuvor in der Bilderwelt des Portals die Erleuchtung der Apostel sehen konnte. Sainte-Madelaine besitzt mehr als ein Pfingstportal, das gesamte Bauwerk ist eine Pfingstkirche.“ (Thorsten Droste).

Kapitell der „Mystischen Mühle“. Ein alttestamentlicher Prophet schüttet Korn (symbolisch für das Alte Testament) in eine Mühle, unten fängt ein Apostel (Paulus?) das gemahlene Mehl (symbolisch für das Neue Testament) in einem Sack auf.

„Der Kapitellzyklus in Ste-Madeleine ist neben dem von Autun der umfangreichste in Burgund und überhaupt einer der größten der Romanik in Europa. Man zählt etwas mehr als 150 Kapitelle. Das thematische Spektrum der Darstellungen ist weit gespannt. Man sieht auffallend viele Szenen aus dem Alten Testament, solche aus dem Neuen Testament rangieren deutlich dahinter. Es finden sich ferner Szenen mit Begebenheiten aus den Viten verschiedener Heiliger, Personifikationen von Lastern und Tagenden, der Winde sowie pflanzliche Ornamente mit symbolischer Bedeutung. Eine stringente Abfolge ist nicht zu erkennen. Hier scheint sich die Theorie zu bewahrheiten, wonach romanischen Kapitellzyklen kein Programm innewohnt. Aber wissen wir, nach welchen Gesichtspunkten Mönche, die sich vor bald 1000 Jahren einem kontemplativen Leben verschrieben, ihre Bildprogramme auswählten?“ (Thorsten Droste).

Blick von Hauptaltar nach Westen
Rue Saint-Pierre nach Westen. Vézelay ist Ausgangspunkt der Via Lemovicensis nach Santiago de Compostela.

Komm, Heil’ger Geist, der Leben schafft,
erfülle uns mit deiner Kraft.
Dein Schöpferwort rief uns zum Sein:
Nun hauch uns Gottes Odem ein.

Komm, Tröster, der die Herzen lenkt,
du Beistand, den der Vater schenkt;
aus dir strömt Leben, Licht und Glut,
du gibst uns Schwachen Kraft und Mut.

Christian Esser


Zum Weiterlesen:

– Elisabeth Peters, Be-Geisternd: Pfingsten in Stein gemeißelt, „Pfingstliches Bilderbuch“: das Portal von Vézelay
– Claude Jean-Nesmy, Vézelay – ein Höhepunkt der Romanik, Zodiaque 1970, deutsche Ausgabe: Echter Verlag 1983, ISBN 978-3429008271 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Veronique Rouchon Mouilleron, Vézelay – The Great Romanesque Church, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, ISBN 978-0810939370