Brief in die Ewigkeit, Newsletter Nr. 20

Lieber Johannes XXIII,
heute erinnere ich mich an Dich als den großen Papst Johannes XXIII, der vielen in Erinnerung geblieben ist, aber leider auch bei vielen in Vergessenheit geraten zu sein scheint.
Zurzeit befindet sich bei uns der sogenannte „synodale Weg“ auf der letzten Etappe seiner langen und sehr widerspruchsvollen Entwicklung. Es könnte den Anschein haben, als wenn die Kirche glaube, dass hier die wichtigsten Probleme der Kirche und der Welt diskutiert werden und einer endgültigen Lösung zugeführt werden müssen.
Ich las neulich zufällig in Deiner Enzyklika „Pacem in Terris“. Mir wurde plötzlich bewußt, wie umfassend und weitsichtig Du als Papst die wirklichen Probleme der Kirche und der Welt betrachtet hast und wie sehr es notwendig wäre, wenn die auf den Namen Jesus Christus Getauften, die mit der Taufe einen priesterlichen Status erhalten haben, sich einmal intensiv mit dieser Enzyklika befassen würden.
Wenn heute anderen Menschen sehr leichtfertig vorgehalten wird, sie sähen nicht über den Tellerrand, so hast Du mit Deiner Enzyklika weit über diesen Tellerrand Deiner und unserer Kirche geschaut. Dein Brief richtete sich nicht nur an die katholische Kirche, sondern an alle Menschen, die guten Willens sind.
Die Kernaussage Deiner Ausführungen in diesem Lehrbrief, der viel wichtiger ist als die Frage, ob Du als Papst unfehlbar bist oder nicht, lautet: Konflikte der Menschen sind nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen.
Konflikte der Menschen und somit auch Konflikte Deiner Gemeindemitglieder, sind nicht nur diejenigen, bei denen bereits Bomben geworfen werden oder Menschen sich gegenseitig physisch töten. Konflikte sind auch Auseinandersetzungen innerhalb von Gemeinschaften, wie zum Beispiel unserer Kirche, die unerbittlich ausgetragen werden und bei denen am Ende seelische Verletzlichkeiten übrigbleiben. Und dies scheint mir gerade bei dem sogenannten synodalen Weg eine Gefahr zu sein, die man viel mehr im Auge behalten sollte.
Wie gern würde ich mit Dir über den gesamten Inhalt Deines Lehrbriefes diskutieren, doch leider muss ich meine Gedanken in dieser einen Seite des Briefes an Dich zusammenfassen.
So greife ich nur einen Punkt Deiner umfangreichen Themen dieser Enzyklika auf, nämlich Deinen Gedanken, dass es für ein soziales Miteinander der Menschen notwendig ist, dass es rechtliche Normen gibt, an die sich alle zu halten haben.
In dem Absatz Deiner Enzyklika „Die Ordnung in der Natur des Menschen“ führst Du aus, dass es ein Irrtum sei zu glauben, man könne „die vernunftlosen“ Gesetze des Universums direkt auf die gesetzlichen Regelungen der Menschen mit ihrem Staat übertragen. Die Menschen werden lediglich durch diese Gesetze des Universums belehrt, wie sie ihre Rechtsbeziehungen zu regeln haben. Und hier mahnst Du an, dass dies endlich umfassend und auch wirklich geschehen muss.
Aus diesen Gesetzen, die alle Bereiche des menschlichen Seins umfassen, leitest Du Forderungen ab, die von uns Menschen eingehalten werden müssten. Dabei geht es um Fragen der Freiheit, der Menschenwürde, des Eigentums aber auch um die soziale Verantwortung, die alle Menschen haben sollten.
Das sind die eigentlichen Fragen Deiner und unserer Kirche, die leider zu wenig beim synodalen Weg betrachtet werden.
Lieber Papst Johannes XXIII, ich bitte Dich, sende uns Menschen einen neuen Impuls, dass wir das umsetzen, was Du in dem Lehrbrief „Pacem in Terris“ gefordert hast.

Mit Hochachtung grüßt Dich Dein Erdenbürger

Jörg-Michael Bornemann