Brief in die Ewigkeit, Newsletter Nr. 8, 11. Oktober 2021

Lieber Heiliger Vater Johannes XXIII,
am heutigen 11. Oktober feiern wir Ihren Gedenktag und das Hochfest Maria, Mutter vom guten Rat. Die Entscheidung, wem ich heute schreibe, war wie ein Pingpongspiel … bis ich am 11. September in St. Josef zu einem Konzert ging und was flatterte mir da zufällig über den Weg: ein kleiner Gebetszettel mit Ihrem Bild, einigen Lebensdaten und einem Gebet. Und seitdem weiß ich auch, dass der heutige Gedenktag sich auf die Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils bezieht. Das ist nun schon wieder 59 Jahre her. Wie doch die Zeit vergeht. Ich bin Ihnen dankbar für diesen Aufbruch in unserer Kirche und deshalb geht mein Brief heute an Sie.

Es gibt so vieles, worüber ich bei einer großen Tasse Tee mit Ihnen reden möchte:

Waren Sie damals ein bisschen traurig, als Sie nach drei Jahren der Vorbereitung und 6 Monate nach Konzilsbeginn in die Ewigkeit gerufen wurden? Ich an Ihrer Stelle wäre wohl ziemlich sauer gewesen. Da hat man eine gute Idee, eine richtig gute Idee, kann sich mit dieser auch durchsetzen und dann muss man die Sache an andere abgeben.

Sie haben mit einem klugen Schachzug das Thema Ökumene im Konzil verankert. Ich kann mir vorstellen, dass der Himmel weint, wenn er über diesem Thema schwebt. Und Herr Luther dann mit den Zähnen knirscht.

Was denken Sie: dürfen wir das Konzilsjubiläum im nächsten Jahr wirklich feiern? Ihre Ziele waren: „Erneuerung“, „größere Klarheit im Denken“ und „die Stärkung des Bandes der Einheit“. Haben wir diese Punkte mit Leben erfüllt und können wir eine positive Bilanz ziehen? Ich kenne Menschen, die mit leuchtenden Augen von der damaligen Aufbruchstimmung erzählen. Aber jetzt über unserer Kirche das große Fragezeichen schlagen.

Ich habe mich über Ihre Wertschätzung der Vereinten Nationen und der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gefreut. Dort können Sie jetzt übrigens in beratender Funktion auch eine „Gemeinschaft Johannes XXIII“ finden. Wenn Sie Don Oreste Benzi in der Ewigkeit getroffen haben, dann hat er Ihnen bestimmt davon erzählt. Er hat diese Gemeinschaft nämlich gegründet. Ich selber habe in Russland Mitglieder dieser Gemeinschaft kennengelernt. Naja, eigentlich habe ich in Kalmückien überhaupt erst von dieser Gemeinschaft gehört. Es sind tolle Menschen, die sich unter Ihrem Namen als Priester und Laien, Männer und Frauen, Familien und Ordensleute gemeinsam um ein Leben im Sinne Jesu mühen. Und in mir immer wieder die Frage wachrufen, ob ich mein Leben auch so ausrichte.

Erstaunt hat mich, dass Sie sich für die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft einsetzten, weil deren Diskriminierung „dem Plan Gottes widerspricht“. Klar, dass das den Frauen damals Mut machte, das Konzil als Chance für die Einführung der Frauenordination in der römisch-katholischen Kirche zu sehen. Ihr Nachfolger Papst Paul VI hat zur dritten Sitzungsperiode 17 Frauen als Zuhörerinnen zugelassen. Zur letzten Periode waren es dann schon 23 Frauen. Aber das war`s dann auch schon. Leider! Gesellschaft ist halt nicht gleich Kirche. Oder hat das Konzil zu zeitig aufgehört? Hat es zu viel Rücksicht auf konservative Bischöfe genommen? War die Zeit wirklich noch nicht reif? Wann wird sie das endlich sein? Hängt es wirklich von der Zeit ab? Es geht doch um Menschen! Um Frauen, die sich berufen fühlen. Die Theologin Josefa Münch hat vor der letzten Sitzungsperiode den deutschsprachigen Konzilsvätern gesagt: „Bitte, nehmen Sie die Frauen ernst und für volle Glieder der Kirche, solange es noch Zeit ist, solange sie noch am Gottesdienst teilnehmen! Wenn die Frauen en gros erst einmal die Konsequenz daraus gezogen haben, dass sie in der Kirche dauernd negiert werden, ist es zu spät.“ Wir Frauen sind immer noch da. Ist das nun gut oder nicht?

Lieber Papst Johannes, Sie wissen bestimmt, dass Deutschland grad versucht einen Synodalen Weg zu gehen. Er könnte auch ein Aufbruch sein. Aber die grad zu Ende gegangene Sitzung hat nicht viel Mut zu dieser Annahme gemacht. Können Sie sich vorstellen: von 214 Teilnehmern waren vorzeitig mehr als 60 abgereist. Der Weg wird durch diese Mißachtung nicht leichter und ich bin auf die geplante Ankunft der Synodalen im Winter 2023 gespannt. Wenn Sie selber auf diesem Weg wirkmächtig heilsam und zielführend für alle Christen und Christinnen dabei sein können, wäre mir das eine große Beruhigung.

Und eines muss ich Ihnen dazu noch erzählen: es gibt Bischöfe unter diesen Synodalen, die sagen: Wir kennen keine Frau, die zum Priesterinnenamt berufen ist. Traurig! Traurig! Traurig! Aber: diese Bischöfe haben das der Ordensfrau Philippa Rath, einer Benediktinerin erzählt. Und die hat umgehend gehandelt. An 12 Frauen hat sie nach Ostern folgende Bitte geschickt: „Ich bin auf der Suche nach persönlichen Lebenszeugnissen von Frauen, die sich in Vergangenheit und Gegenwart zum Diakoninnen- und zum Priesterinnenamt berufen fühlten und fühlen und ihre Berufung aus bekannten Gründen nicht leben konnten und können.“ Und es kam bis Pfingsten eine riesige Welle, ein brausender Sturm, ein ganzes Buch voll 150 berührender Lebens- und Berufungszeugnisse. Dann war Redaktionsschluß, aber noch lange kein Ende der Berichte. Wahnsinn!
Wahnsinn aber auch: Was Frauen durch Gott erleben dürfen. Was Frauen durch die Kirche erleiden müssen. Was den Gemeinden vorenthalten wird. Welche Schätze mutwillig im Acker begraben werden.

HEILIGE MUTTER GOTTES VOM GUTEN RAT HILF! Gib unseren Bischöfen den Mut zum ersten Schritt. Den zweiten können sie dann schon mit den Priestern und Gemeinden gemeinsam gehen.

Lieber Heiliger Vater Johannes, genug geschrieben, jetzt wird langsam gepackt. In ein paar Tagen bin ich mit vielen anderen auf den Spuren des heiligen Martin unterwegs. Grüßen Sie bitte unseren Namenspatron.
Wir wallfahren zu seinen Gedenk- und Wirkungsstätten in Frankreich. Auf ihn selber freuen wir uns später – in der Ewigkeit und in diese Vorfreude schließ ich Sie mit ein!

bis dahin grüßt Ihre Maria Schmidt