Brief in die Ewigkeit, Newsletter Nr. 9, 11. November 2021

Lieber Bischof Martin,

ich bin auf Pilgerfahrt. Nicht allein: großer Bus, viele Leute. Wir besuchen deine Orte und die dir geweihten Kirchen in Frankreich. Der große Start nach gestrigem Reisesegen und 13 Stunden Fahrt war am heutigen Tag in Reims der Gottesdienst in französischer Sprache. Mit gregorianischem Chor und so konnten wir einiges mitsingen. Das Schöne an der katholischen Messe ist ja, egal in welcher Sprache, ich weiß immer was grad passiert und kann es mitfeiern. Die Karte ist fast voll. Auf der Rückseite siehst du unseren Bus. Ein Pferd mit 12 Rädern für 80 Personen. So fein konntest du vor 1600 Jahren nicht reisen. Und hast trotzdem die Menschen erreicht und viel bewegt. Was werden wir auf dieser Reise erfahren und erleben? Über dich, unseren Glauben, die Kirchengeschichte. Ich bin gespannt!

Liebe Grüße sendet dir
Maria

 

Lieber Heiliger Martin,

heute schicke ich dir ein Foto aus der Kathedrale in Chartres. Vielleicht siehst du auch, was ich sehe: das Licht lässt durch die schönen Fenster ein Stück des Himmels ahnen. Das tut mir gut. Nach 800 Jahren machen die dort mal sauber. Und streiten sich drum. Ob das gut ist. Also, wenn das Mittelschiff so dreckig und dunkel wie die Seiten gewesen wäre, ich hätte auf dem Absatz kehrt gemacht. Das ging mir schon mal im Mailänder Dom so. Wie können Häuser zur Ehre Gottes so aussehen? Beeindruckt hat mich der Fußboden. Er gibt in Würde ein Zeugnis von den vielen Menschen, die in den Jahrhunderten mit ihren Sorgen und Nöten, Freuden und Feiern, mit Lobpreis und Gebet zum Herrn und all unseren Heiligen kamen. Also, es geht auch ohne Ruß und Dreck!

einen sauberen Gruß an dich und alle Heiligen sendet
Maria

 

Lieber Martin,

heute haben wir deinen Sterbeort Candes-Saint-Martin besucht. Der Weg dorthin führt an der Loire entlang. Der einzige europäische Fluß, der von der Quelle bis zur Mündung er selbst sein darf. 1020 km lang. Man sieht ihm an wie wohl er sich dabei fühlt. Und du, wie hast du dich gefühlt, als zwei Klöster sich in Candes um deinen Leichnam stritten? Gewonnen haben die, die länger munter geblieben und eher abgefahren sind. Mit dir im Gepäck. Deshalb liegst du nun in Tours begraben. Von der Ewigkeit aus betrachtet ist das wahrscheinlich egal. Aber für irdische Verhältnisse hängt halt viel davon ab, wer wo liegt. Heute siehst du auf dem Foto unsere Pilgergruppe. Ich finde es sind alles liebe Menschen. Du bist bestimmt auch ein lieber Bischof gewesen.

Über beides freut sich
deine Maria

 

Lieber Martin,

heute sind wir in Tours unterwegs gewesen. Das Wetter war super. Zuerst die Kathedrale Saint Gatien. Monumental. Die Bischofskirche. Aber du durftest dort nicht zur Ruhe kommen. Du kamst auf den Armenfriedhof. Weil du nicht dem hierarchischen Bild eines Bischofs gerecht wurdest. Dein Nachfolger hat dir kurz vor seinem Tod im Anflug allerletzter Reuemöglichkeit eine Kapelle bauen lassen. Und was sich daraus entwickelt hat, das haben wir heute gesehen. Genauso wie die noch sichtbaren Wunden der Zerstörungswut, die Religionskriege, französische Revolution und zwei Weltkriege geschlagen haben. Auf dem Bild siehst du heute die Krypta, in der du zum Teil ruhst. Schön hast du es dort. Und alle achten auf Ruhe, damit jeder sich im Gebet mit dir verbinden kann. Bleib weiter mit uns im Gespräch

wünscht sich
deine Maria

 

Lieber Martin,

es regnet. Aber immer erst, wenn wir im Bus sitzen. Prima! Sollte ich Danke sagen? Heute haben wir den heiligen Benedikt besucht. Er mochte dich und deine Art Mensch und Christ, Mönch und Bischof zu sein. Für seine allgemeinen Ordensregeln warst du ihm ein Vorbild. Hat er dir bestimmt auch schon selber gesagt. Übrigens gibt es hier eine für euch damals völlig unnötige Besonderheit: den Kreisverkehr. Unzählbar viele. Ich sitze im Bus hinten oben. Da merkt man jede angefangene Runde besonders gut. Mein Bild zeigt dir heute das Kreislabyrinth in der Kathedrale von Chartres. Wenn man beides philosophisch betrachtet, dann braucht es beim einen ziemlich viel Geduld bis man zum Kern einer Sache kommt und beim anderen kann man entweder ewig um ein Problem kreisen oder eine Ausfahrt nehmen. Wenn es nur immer so einfach wäre. Ach übrigens, morgen wollen wir wandern. Ich schreib das nur mal so, wegen des Wetters.

Liebe Grüße an dich und Benedikt von eurer Maria

 

Lieber Heiliger Martin,

die ganze Nacht kam ein Brausen vom Himmel, viele Häuser in Vezelay mussten ihre Außendekorationen und Sonnenschirme neu zusammensetzen. Aber so hatten auch alle, wie du auf dem Bild siehst, einen himmelblauen Tag. Danke! Bei der Laudes in der Kirche hatte ein Schutzengel besonders viel zu tun. Gib auch hier unseren Dank weiter. Das schöne Wetter hat unsere Wanderung gekrönt. Zeit zum Schwatzen, Wirbelsäule richten und Gelenke ausschütteln. Ich bin ein bißchen kirchenmüde. Jede Kirche ist für sich wunderschön aber ich hab den Überblick verloren. Wo war was in welchem Ort und in welcher Kirche? Zum sortieren, erinnern und erzählen in der heimatlichen Stube haben Menschen die Digitalfotografie erfunden. Natürlich kann man auch dabei den Überblick verlieren. Aber ich freu mich einfach dran. Ich hab nämlich einen sehr ordentlichen Martin an meiner Seite, der den digitalen Überblick schafft. Auch dafür bin ich dankbar.

Und so grüßt dich heute eine von Kopf bis Fuß dankerfüllte Maria

 

Lieber Bischof Martin,

ist dir aufgefallen, dass ich bis jetzt noch nichts übers Essen geschrieben habe? Der französische kulinarische Gott kennt keine Vegetarier. Erstmals heute in Colmar gab es statt eines zweiten Gemüses auf dem Teller ein leckeres vegetarisches Gericht. Das tat mir gut. In der Martinskirche haben wir eine WortGottesFeier gehalten. Du siehst auf dem heutigen Bild in der Mitte Jadwiga und Martin, die diese Feiern leiten dürfen. Links siehst du Beate, Bettina und Regina an den Flöten und rechts sitz ich mit meiner Schrummelgitarre. Das gemeinsame Musizieren und Singen macht Spaß, weil alle mitmachen. Die Andachten sind würdige Gottesdienste. Mich ärgern aber jedesmal die Einschränkungen und Änderungen zur Messfeier. Warum? Geweihte Christen sind immer noch die priviligierteren Christen. Da ich daran nicht glaube ist es für mich eine Machtfrage. Naja, wird nicht ewig so bleiben.

In der Hoffnung auf Veränderung bestürme ich heute den ganzen Himmel mit irdischen Grüßen.
eure Maria

 

Lieber Heiliger Bischof Martin von Tours,

planmäßig sind wir in 10 Stunden wieder in Dresden. Dies ist meine letzte Postkarte an dich. Auf dem Foto siehst du links unseren Busfahrer Olaf. Das ist der mit der Kappe. Selten hab ich ihn ohne gesehen. Er hat uns die acht Tage durch dein schönes Land gefahren. Mit Freude und Können. Rechts siehst du Beate und Christian. Sie hatten den Gedanken dich zu besuchen. Was an so einer Idee dann alles dran hängt, passt auf keine Postkarte. Bestimmt hast du ihre Vorbereitungen begleitet, also kennst du auch den Umfang. Weißt du, was mir für die Franzosen richtig leid tut? Sie kennen dich, aber sie feiern dich nicht. Kein Martinsfest mit Laternenumzug, Martinsspiel, Hörnchenteilen und so weiter. Pech gehabt! Tja, nun bleibt noch die Frage vom Anfang: was konnten wir auf dieser Reise erleben und erfahren? Als christliche Gemeinschaft folgten wir den Spuren christlicher Vorbilder, teilten Bus, Tisch und Herberge und wuchsen durch Gespräche und Erlebnisse zusammen. Wir lernten viel über die Anfänge des Christentums in Europa, erlebten verschiedenste Baukunst zur Ehre Gottes und feierten das Fest des Glaubens in vielfältiger Form. Wir begegneten Menschen, die ihr Leben ganz in die Nachfolge Christi stellen und suchten selber in der Stille das Gespräch mit dem Himmel. All das wird als schöne Erinnerung bleiben. Und die geteilten Erlebnisse und Gespräche werden ein guter Baustein auf dem weiteren Weg der Pfarrei St. Martin sein. Lieber Heiliger Martin, beschütz uns von der Ewigkeit aus weiterhin auf unserem Lebensweg.

Danke und Tschüß sagt
deine Maria