Das Universum von Chartres

Dies ist der fünfte Beitrag in einer Reihe von Artikeln zur Pilgerfahrt der Pfarrei „Auf den Spuren des Heiligen Martin“ .

Die anderen Artikel:

Informationen zu Reiseverlauf, Leistungen und Kosten: „Pilgerfahrt der Pfarrei nach Tours 10/21„. Das  Anmeldeformular finden Sie hier.
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Aus irgendeiner Veranlassung waren wir auf dem Wege nach Chartres. Wir kamen an einem stark bevölkerten Dorfe vorbei. Da zog uns eine große Schar entgegen, die nur aus Heiden bestand; (…) auf die Kunde von der Ankunft eines so berühmten Mannes strömte eine große Volksmenge zusammen (…). Martinus überkam die Ahnung eines kommenden Wunders und er erbebte, da der Geist ihm dieses kundtat. Nun predigte er den Heiden das Wort Gottes mit überirdischer Salbung. (…) Während uns diese unglaublich große Menge umgab, streckte ein Weib den Leichnam ihres Sohnes, der kurz vorher gestorben war, dem heiligen Mann entgegen mit den Worten: ‚Wir wissen, dass du ein Freund Gottes bist. Gib mir meinen Sohn wieder, er ist ja mein einziger‘. Die Menge schloss sich an und unterstützte die Bitten der Mutter. Martinus erkannte, dass er um des Seelenheiles der harrenden Menge willen, wie er uns nachher gestand, Wunderkraft erlangen könne. Er nahm den Leichnam in seine Arme. Dann kniete er angesichts aller nieder. Nachdem er gebetet hatte, erhob er sich und gab das Kind lebend der Mutter wieder. Das Freudengeschrei der Menge schallte bis zum Himmel und sie bekannte, dass Christus Gott ist. Schließlich warfen sich alle scharenweise dem Heiligen zu Füßen mit dem glaubensvollen Verlangen, er solle aus ihnen Christen machen. Er legte ihnen allen ohne Zögern, so wie sie mitten auf freiem Felde waren, die Hände auf und machte sie zu Katechumenen.“ (Sulpicius Severus, Dialogus 2, 4).

Chartres, Kathedrale von Norden, tourisme.fr

Die Kathedrale Notre-Dame de Chartres , das imposante und aufgrund des flachen Umlands auch aus vielen Kilometern Entfernung sichtbare Wahrzeichen der Stadt, wurde bereits 1979 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

„So wächst aus urgrauen Tagen die Kathedrale empor: Wie sie mit ihrer Krypta tief in der Erde wurzelt, so wurzelt sie in der Zeit; weiterhin überragt sie die Landschaft, die ihr das beste Ihres Wesens zugetragen hat, und mit ihren Türmen stößt sie an den Him­mel. Wenn man es nirgends sonst erführe, hier erfährt man es, dass die Wahrheit und die Schönheit von uns nie begriffen, sondern nur erpilgert werden können.“ (Charles Péguy).

Chartres war in der Antike unter den Namen Autricum und Carnotum ein bedeutender Ort, und ist seit dem vierten Jahrhundert Bischofssitz. Mit Bischof Fulbert von Chartres (1006 − 1028) entwickelte sich die Domschule zu einem bedeutenden Zentrum mittelalterlicher Bildung. Hier wirkten u. a. Ivo von Chartres, Gilbert von Poitiers und Johannes von Salisbury.

Chartres ist traditionell ein Ort der Wallfahrt und seit dem frühen Mittelalter ein wichtiges Pilgerziel an der Via Turonensis auf dem Weg nach Santigo de Compostela. Die Kathedrale von Chartres gilt als wichtigstes Marienheiligtum in Frankreich. „Der Ur­sprung des Marien-Kanons in Chartres liegt dabei in einem nicht eindeutig bestätigten Kult um eine Mutterfigur mit Kind, der so genannten Virgo paritura [die Jungfrau, die gebären wird], die schon in vor­christlicher Zeit in Chartres verehrt worden sein soll, jedoch die Marienverehrung und die Bedeutung der Kathedrale als Marienwallfahrtsstätte maßgeblich geprägt hat.“ (Victoria Landmann).

„Seit 876 bewahrt die Kathedrale von Chartres ein Gewand Mariens, ein Geschenk Karls des Kahlen. Diese kostbare Reliquie, die ‚sancta camisia‘, stammt aus dem Besitz Karls des Großen, der sie wie andere Reliquien aus Byzanz erhalten haben könnte. Die Legende will, dass Karl der Große sie auf seinem legendären Kreuzzug vom Patriarchen von Jerusalem zum Geschenk erhielt. Im Gewand Mariens, in dem sie Verkündigung oder Geburt erlebt haben soll, ist das zentrale Moment der Marienverehrung gegenwärtig: die erfüllte Verheißung der Menschwerdung Christi. Bis heute wird ein 30 mal 30 Zentimeter großes Tuch, das im Mittelalter Pilger und Wohlstand in die Stadt brachte, hier als ‚Marienschleier‘ verehrt.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1194 werden weite Teile der Stadt, der Palast des Bischofs und die Kathedrale durch einen Brand vernichtet. Allein die Westfassade bleibt stehen. Bei diesem Brand, so glaubt die Bevölkerung, sei auch das kostbare Gewand Mariens untergegangen. Verzweiflung über das Unglück und die so offensichtlich entzogene Gunst der Muttergottes bedrücken die Menschen.

Ein etwa 15 Jahre später entstandener Bericht über ‚Die Wunder der heiligen Jungfrau Maria in der Kirche von Chartres‘ schildert, wie sich die Stimmung seinerzeit gewandelt hat. Ein Legat des Papstes, Kardinal Melior von Pisa, ist zufällig in Chartres anwesend. Er kennt Kapitel und Bischof Renaud de Mouçon gut, noch kurz zuvor hat er Streitigkeiten zwischen beiden geschlichtet. Er überzeugt Bischof und Kapitel davon, dass schnellstens mit einem Neubau begonnen werden müsse. Beide verpflichten sich, während der folgenden drei Jahre einen beträchtlichen Anteil ihrer Einkünfte dafür zur Verfügung zu stellen.

Wenig später wird die Bevölkerung an einem Festtag zusammengerufen. Auch hier der gleiche Vorschlag. Die bereits gerührte Stimmung schlägt um, als Bischof und Kapitel in feierlicher Prozession mit der verloren geglaubten Reliquie er- scheinen. Einige Kleriker hatten die Kostbarkeit in die Krypta gerettet, deren eiserne Tür dem Brand, den herabstürzenden Balken und den Strömen geschmolzenen Bleis standgehalten hatte. Begeisterung bricht aus. Maria hat der Stadt ihren Schutz nicht entzogen, es war nur die Gelegenheit, ihr eine prächtigere Kirche zu bauen. Damit ist für Chartres der Status als Zentrum der Wallfahrt zur virgo paritura, gerettet. Und da hiervon die Rolle der Stadt als Markt abhängt, ist auch die wirtschaftliche Zukunft gesichert.“ (Werner Schäfke).

Die hochfliegenden Pläne werden in einem monumentalen Bau in die Tat umgesetzt. Bis 1221 sind die Gewölbe geschlossen. Querhausportale, Glasfenster und Skulpturen werden bis 1260 vollendet. Entstanden ist ein überwältigendes Monument künstlerischer Einheit von Architektur, Bildhauerei und Glasmalerei. Notre Dame ist die älteste – und praktisch unverändert gebliebene – hochgotische Kathedrale, stilbildend für viele gotische Kathedralen in Frankreich und darüber hinaus.

Einer der Schätze von Chartres sind die fast unbeschädigten Gruppen von insgesamt 4000 Skulpturen an den prächtigen Kirchenportalen: monumentale Heilige, alttestamentliche Charakterköpfe, fremdartig, streng und unnahbar. Sie scheinen sich selbst oder einander zu genügen, wo sie, offenkundig ungewollt zu Stein geworden, auf ewig ins Gespräch oder ins Gebet vertieft sind.

Nordportal (Marienportal)
Chartres, Kathedrale, Nordportal (Marienportal), der greise Simeon, Johannes der Täufer und Petrus (von links)
Westportal, Königin
Südportal, die Apostel Judas, Simon, Thomas, Andreas und Petrus und der Beau Dieu (schöne Gott, Christius) (von links)
Die Heiligen Martin, Hieronimus, Gregor d. Gr. und Avitus von Vienne, Zodiaque

Der große Ruhm der Kathedrale von Chartres beruht zu einem nicht geringen Teil auf der fast vollständig erhaltenen Glasmalerei. Ihr größter Schatz ist nämlich die kostbarste Sammlung mittelalterlicher Glasmalereien weltweit: 172 Fenster insgesamt mit 2600 Quadratmetern Fläche. Mit seinen Szenen aus der Bibel und seinen Heiligendarstellungen ist das „Universum von Chartres“ ein echtes Bilderbuch; die ältesten stammen aus dem 12. Jahrhundert.

Südrose

„Wer die Kathedrale im französischen Chartres betritt, taucht in ein dunkel leuchtendes Meer aus Farb- und Lichtstimmungen ein. Ihre Architektur wirkt wie ein Schrein, der die Erscheinung des Lichts im Inneren zum Zweck hat.“ (Martin Matl).

Hauptschiff, Fenster und Rose der Westfassade, das berühmte „Chartreser Blau“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hauptschiff, Blick in Richtung Chor

Zwischen 1945 und 1947 wurde in Chartres ein Kriegsgefangenenseminar eingerichtet. Es war ein Priesterseminar der besonderen Art, in dem deutschsprachige Priester und Seminaristen zusammengeführt werden sollten. Der als Gefangenenseelsorger bekannte Abbé Franz Stock war Regens des Seminars. So entstand das „Stacheldrahtseminar“, in dem ca. 1000 junge Menschen aus Deutschland und Österreich auf ihre zukünftigen Aufgaben in einem neuen Europa vorbereitet wurden. Es handelte sich um das größte Priesterseminar in der Geschichte der katholischen Kirche. In dem noch erhaltenen Gebäude wird eine Europäische Begegnungsstätte eingerichtet.

Christian Esser


Zum Weiterlesen

– Werner Schäfke, Frankreichs Gotische Kathedralen, WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2007, ISBN 978-3896785886 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Jean Favier, Das Universum von Chartres – Die Kathedrale Notre Dame, Kohlhammer 1989, ISBN 978-3170106482 (nur noch antiquarisch erhältlich)