Dresdner Pfarrei St. Martin gibt Straftätern (Frei-) Raum

Am Samstag Nachmittag, den 25.09.21 versammelt sich im Garten der Gemeinde St. Josef in Pieschen ein buntes Publikum. Schon vom Äußeren wird sichtbar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Gemeindeveranstaltung handelt. Es wird gegrillt, die Stimmung ist ausgelassen. Auf dem Rasen wird unter Anleitung jongliert und sich in künstlerischen Darbietungen ausprobiert. Es wirkt wie eine Familienfeier. Nichts ist davon zu spüren, dass viele sich erst ein paar Minuten davor kennengelernt haben und sie aus ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen zusammengekommen sind.


Bei den Menschen, die sich hier treffen, um gemeinsam einen sog. „Freiraum-Begegnungstag“ zu verbringen, handelt es sich um acht ehemalige Straftäter und zwei weiteren Inhaftierten, die noch im Offenen Vollzug der JVA Dresden ihre Reststrafe verbüßen. Manche von ihnen haben auch ihre Kinder und Familienangehörigen mitgebracht. Es sind Ehrenamtliche anwesend, die in der Gefängnisseelsorge und/oder im Verein SET-FREE (freie Straffälligenhilfe) engagiert sind, Pfarreimitglieder und Interessierte. Eine bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft.

Nach dem Essen und dem ausgelassenen Spielen, findet sich die Gruppe zusammen und spricht über Gefangenschaft und Freiräume. Es wird sehr persönlich. Der ehemaliger Straftäter W. erzählt, wie er mehr als 30 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbrachte und wie er in seiner letzten Haft durch ein Projekt des SET-FREE e. V. und das Engagement von Ehrenamtlichen sein Leben verändern konnte. Durch die lange Haft hatte er sich selbst innerlich eingemauert, um den Schmerz seines Lebens und der Haft nicht mehr spüren zu müssen. In seiner Kindheit hatte ihn seine Mutter in ein Heim gegeben. Im Heim wurde er missbraucht. Er wurde aufmüpfig und rebellisch und landete schon als Jugendlicher das erste Mal im Gefängnis, bis er schließlich nach wiederholten Banküberfällen und einer gewalttätigen Grundhaltung in einem Hochsicherheitsgefängnis in Bayern untergebracht wurde. Inzwischen ist er über 10 Jahre in Freiheit und engagiert sich gerne ehrenamtlich, wo er gebraucht wird.

Die Zuhörer hängen bei den Erzählungen an seinen Lippen. Der Einblick, den er in sein Leben gewährt, schenkt Vertrauen. Weitere Gäste des Treffens öffnen sich, sprechen ihre Ängste, Nöte und Hoffnungen aus und berichten von Schicksalsschlägen und Prägungen, die sie belasten oder die sie überwinden konnten.

Der „Freiraum-Begegnungstag“ ist Ausdruck der Brücke zwischen Gefängnis und Gemeinde, die sich die Gefängnisseelsorge, das Bistum Dresden-Meißen, die Pfarrei St. Martin und der SET-FREE e. V. zur gemeinsamen Aufgabe gesetzt haben. Die Pfarrei St. Martin, zu der die Gefängnisgemeinde als kirchlicher Ort gehört, hat diesen Auftrag in ihr Pastoralkonzept integriert und stellt großzügig Räume für Treffen und Begegnungen zur Verfügung. Auch das Bistum Dresden-Meißen unterstützt diese Brücke, u. a. durch die Sendung von Diakon Christoph Nitsche speziell für den Ausbau dieser Brücke. So ist es auch möglich, dass Frau Patricia Sorek als Gottesdienstbeauftragte der Gemeinde, zusammen mit Diakon Nitsche und weiteren ehrenamtlichen Mitarbeitern monatlich in die JVA Dresden gehen und dort einen Gottesdienst und einen Chor anbieten kann. Für die Männer in der JVA stellt es eine große Bereicherung dar, Menschen aus der Gesellschaft zu treffen, die sich ehrenamtlich engagieren und sich um ihre Anliegen annehmen. Für manch einen Inhaftierten ist es kaum zu glauben, dass es Menschen gibt, die ohne Bezahlung zu ihnen in den „Knast“ kommen, weil ihnen die Gefangenen einfach wichtig sind.

Der SET-FREE e. V. mit seinem Vorsitzenden Pedro Holzhey, der selbst eine Haftstrafe verbüßt hat, kennt aus eigener Erfahrung die vielschichtigen Probleme, die einen Menschen nach der Haft erwarten. Der Verein bringt in die Arbeit neben seinen Kompetenzen im Bereich Straffälligenhilfe auch die „Kompetenz der eigenen Betroffenheit“ mit ein. Er unterstützt bei der Schulung und Begleitung ehrenamtlicher Mitarbeiter und besonders auch im Übergangsmanagement und der Nachsorge für einzelne Inhaftierte und Haftentlassene.

Der Freiraum Begegnungstag will Menschen aus der Haft einen Anlaufpunkt anbieten, einen Ort, an dem sie wie in einer Familie willkommen sind, wo sie nicht entsprechend ihrer Straftat, sondern einfach als Menschen gesehen werden. Diese Treffen sollen nun alle zwei Monate in der Pfarrei stattfinden. Wer Interesse hat, daran mitzuwirken oder zu Besuch zu kommen, wende sich an.

angelika.lang@bddmei.de oder gf@set-free-network.de

Autorin: Angelika Lang, Überregionale Vernetzung Gefängnisseelsorge Dresden