Karfreitag und Ostern – Matthias Grünewald: Gegen die Schönheit und Verklärung der Kreuzigung.

Dies ist der dritte Beitrag in einer Reihe von Artikeln zur Pilgerfahrt der Pfarrei Auf den Spuren des Heiligen Martin .

Die anderen Artikel:

Informationen zu Reiseverlauf, Leistungen und Kosten: „Pilgerfahrt der Pfarrei nach Tours 10/21„. Das  Anmeldeformular finden Sie hier.
Kaum jemandes Geschichte ist im Laufe der Zeit so vollständig hinter seiner Tat verschwunden wie die des Patrons unserer Pfarrei (Roman Mensing): „Martin von Tours – Soldat, Eremit, Mönch, Heiler, Missionar, Bischof, Heiliger„.
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Martin war ein Vorbild für Benedikt von Nursia: „Martin und Bendikt„.

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In der Kreuzesstrafe manifestiert sich die ganze Unmenschlichkeit, denen der Mensch zu allen Zeiten fähig war. Die Kreuzigung war ein sichtbares Zeichen der Schande. Sie zielte darauf ab, durch die Zurschaustellung und Erniedrigung des Opfers andere abzuschrecken. Durch Terror sollten Menschen zu Gehorsam gezwungen werden. In einer grausamen Ironie wurden für die Kreuzigung lange Zeit „die“ Juden verantwortlich gemacht, obwohl gerade sie häufig Opfer dieser Hinrichtungsart wurden. Nur wenige Völker litten mehr unter ihr. Ganz zu schweigen von der Wirkungsgeschichte des „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“.

Als Opfer eines Justizmordes stirbt auch Jesus diesen entsetzlichen Tod. Er hatte nämlich die Kreise der Tempelaristokratie und vielleicht der römischen Besatzungsmacht gestört. „Es ist besser für euch, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht“. Pilatus kommt in den Evangelien besser weg, von Pontius zu Sankt Pilatus sozusagen.

Es war aber die dritte Stunde und sie kreuzigten ihn.
Und als geworden war die sechste Stunde
Finsternis wurde auf der ganzen Erde bis zur neunten Stunde.
Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme:
Eloi Eloi lema sabachthani?
Was ist übersetzt:
Mein Gott, mein Gott, wozu verließest du mich?
Jesus aber, ausstoßend einen lauten Schrei, hauchte aus.

Es waren aber auch Frauen von weitem schauend,
unter ihnen auch Maria, die Magdalenerin, und Maria,
des Jakobos des Kleinen und des Joses Mutter, und Salome,
die, als er war in der Galilaia, ihm folgten und ihm dienten.

 

„In welch entsetzliche Finsternis ist dieses Bild getaucht. Ihre Schwärze füllt den ganzen Horizont aus. Bis zum Äußersten ist Jesus als Mensch gegangen. Bis dahin, wo alles Licht aufhört.“ Nie sind Schwärze und Verlassenheit seines Todes eindrücklicher dargestellt worden wie auf dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald. „Toter ist der tote Christus kaum einmal gezeigt worden, hilfsbedürftiger als in den Armen seiner Mutter war er nie.“ „Vor dieser Finsternis aber rückt sein Leben, rückt sein Sterben, rückt seine überragende Gestalt umso unauslöschlicher in den Blick.“

Als Adel Abdessemed den Isenheimer Altar in Colmar zum ersten Mal sah, war er gerade aus Algerien geflohen – vor den Gräuel des Bürgerkriegs und islamistischen Terrors der 90er-Jahre. Auch der Direktor der Kunstakademie, an der er studierte, wurde ermordet. Er habe Algerien in einem Moment verlassen, als die Hoffnung ermordet wurde, sagt Adel Abdessemed. Auch deshalb habe ihn Grünewalds Kreuzigungsszene so stark beeindruckt.
„Das war 1995, erzählt er, es war ein nebeliger Tag, es schneite. Ich kam per Autostopp hier an und fühlte mich wie unsichtbar. Dann bin ich sehr lange vor dem Isenheimer Altar geblieben und sehr beunruhigt wieder gegangen. Selten hat mich ein Kunstwerk emotional so stark berührt.“

Der Schriftsteller Elias Canetti, der im Frühjahr 1927 als Zweiundzwanzigjähriger das berühmte Altarbild besucht, hält in seinen Erinnerungen fest:
„In Colmar stand ich einen ganzen Tag lang vor dem Altar, ich wusste nicht, wann ich gekommen war, und ich wusste nicht, wann ich ging. Ich sah den Leib Christi ohne Wehleidigkeit, der entsetzliche Zustand dieses Leibes erschien mir wahr. Vor dieser Wahrheit wurde mir bewusst, was mich an Kreuzigungen verwirrt hatte: ihre Schönheit, ihre Verklärung. Wovon man sich in der Wirklichkeit mit Grausen abgewandt hätte, das war im Bild aufzufassen.“

 

Mein Gott, o mein Gott, wozu hast Du mich verlassen,
bist meinem Bitten, bist meinem Rufen fern?

Mein Gott, ich rufe den Tag hindurch, und Du hörest nicht
zur Nacht, und Du wendest Dich mir nicht zu,

und wohnst doch in Deinem Heiligtum,
Lob Du Israels!

Unsere Väter haben auf Dich gehofft;
sie haben gehofft, und Du hast sie befreit.

Sie haben zu Dir gerufen und Rettung gefunden,
haben auf Dich gehofft und sind nicht zu Schanden geworden.

Ich aber bin ja ein Wurm, kein Mensch,
der Leute Spott und verachtet vom Volk.

All‘ die mich sehen, verlachen mich,
verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

»Er hofft auf den Herrn; soll Der ihn befreien,
soll Der ihn retten, wenn Er ihn liebt!«

Wahrlich, Du warst’s, der mich aus dem Schoße gezogen,
mich an der Brust der Mutter geborgen hat.

Ich lieg Dir in Händen von Anbeginn,
von meiner Mutter Schoß her bist Du mein Gott.

Bleib mir nicht fern, denn die Not dringt an!
Sei mir nahe, denn keiner hilft!

Viel Junge Farren umstehen mich,
Stiere vom Basangebirge umringen mich,

reißende, brüllende Löwenrachen
öffnen sich wider mich.

Dem Wasser gleich bin ich hingeschüttet;
auseinandergerissen all mein Gebein.

Wie Wachs, so ist mir das Herz geworden,
zerfließend in meinem Innern.

Wie Scherben trocken ist mir der Schlund,
die Zunge klebt mir am Gaumen,
und in des Todes Staub hast Du mich geworfen.

Rudel von Hunden umstehen mich,
Horden von Übeltätern umdrängen mich.

Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt,
zählen kann ich all mein Gebein.

Sie starren mich an und sehen und freuen sich;
sie teilen sich meine Kleider
und werfen das Los über mein Gewand.

Du aber, Herr, o bleib nicht fern;
Du meine Hilfe, eile und steh mir bei.

Entreiß meine Seele dem Schwert,
der Wut der Hunde mein Leben.

Aus des Löwen Rachen errette mich;
mich Elenden von den Hörnern der wilden Stiere.

Dann will ich den Brüdern von Deinem Namen erzählen,
Dich preisen in der Gemeinde Mitte:

»Die ihr den Herren fürchtet, lobet Ihn!
Alle vom Stamme Jakobs, rühmet Ihn!
Fürchtet Ihn, alle aus Israels Stamm!

Denn Er verachtet das Elend der Armen nicht,
und es ist Ihm kein Überdruss,
noch verbirgt Er vor ihm Sein Angesicht,
und wenn der Bedrängte Ihn ruft, dann hört Er ihn.«

Mit Deiner Gnade werd ich Dich preisen vor großer Gemeinde;
vor dem Angesicht aller, welche Dich fürchten,
will ich das Opfer bringen, das ich gelobt.

Dann essen davon die Armen und werden satt;
es preisen den Herrn, die Ihn suchen, und sagen einander:
»Leben möge dein Herz in Ewigkeit!«

Es sinnen nach und kehren dem Herrn sich zu
die Enden alle der Erde;

und nieder sinken vor Seinem Angesicht
die Völkergeschlechter alle.

Das Reich ist des Herrn:
Er ist der Herrscher der Völker.

Ihn nur verehren, die in der Erde schlafen;
Ihm nur beugen sich alle, die in den Staub hinabgestiegen.

Auch meine Seele wird Ihm leben,
und mein Geschlecht Ihm dienen.

Sagen wird es vom Herrn dem Geschlechte der kommenden Zeit;
Seine Gerechtigkeit künden dem künftigen Volke und sprechen:
»Das hat der Herr getan!«

Psalm 21, Übersetzung: Romano Guardini

 

Und als vorüber war der Sabbat,
Maria, die Magdalenerin, und Maria, die des Jakobos und Salome
kauften Essenzen, damit kommend sie ihn salbten.
Und sehr früh am Ersten der Woche gehen sie zum Grab, als aufgegangen war die Sonne.
Und sie sagten sich:
Wer wird wegwälzen uns den Stein aus der Tür des Grabes?
Und aufschauend erblicken sie, dass weggewälzt war der Stein; denn er war sehr groß.
Und hineingehend ins Grab,
sahen sie einen jungen Mann sitzend zur Rechten, umworfen mit weißem Gewand,
und sie erschraken.
Der aber sagt ihnen: Erschreckt nicht!
Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten;
erweckt wurde er, nicht ist er hier; sieh, der Ort, wohin sie ihn legten!
Doch geht fort, sprecht zu seinen Schülern und dem Petros:
Voran geht er euch in die Galilaia;
Dort werdet ihr ihn sehen, gleichwie er gesprochen hatte zu euch.

 

Text und Bilder: Christian Esser


Zum Weiterlesen

Matthias Grünewald, Wikipedia
Isenheimer Altar, Wikipedia
– Jörg Sieger: Der Isenheimer Altar und seine Botschaft
– Astrid Nettling: Der Isenheimer Altar – Die Gegenwart des Entsetzlichen
– Kathrin Hondl: Der Schrei der Körper
– Hans-Joachim Müller: Nie litt Jesus erschütternder als bei diesem Maler