Michaela Weinberger

Predigt in der Kirchenkrise

Ich kleiner Zeh an Christi Leib

Trauer, Wut und vor allem das Gefühl der Ohnmacht sind angesichts der Kirchenkrise weit verbreitet. Worte der Ermutigung tun not. Worte, die Hoffnung wecken können. Unsere Autorin hat sie für eine Predigt in der Gemeinde Polling gefunden.ein Leib

I hob mi so auf diese Predigt gfreit! Ein Leib und viele Glieder (1 Kor 12). Mir sind so viele Parallelen zu unserer Gesellschaft in Coronazeiten eingefallen. Wie wichtig gegenseitiges Zuhören und vor allem das Im-Gespräch-Bleiben ist. Ja, in meinem Kopf war die Predigt schon fertig. Und dann kam jener Donnerstag. Und mit ihm die Pressekonferenz über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in unserem Erzbistum. Nein, ich war nicht so naiv zu glauben, dass es keine neuen Erkenntnisse gäbe. Aber dieses Ausmaß! Mindestens 497 Fälle. Und wie viele davon vermeidbar! Mir kamen die Tränen. Und es fällt mir auch heute noch schwer, sie zurückzuhalten. Tränen über so viel Leid, so viel Falschheit, so viel Machtmissbrauch.

Was soll ich da deshalb zu dem Motiv „Ein Leib und viele Glieder“ sagen? Möchte man da überhaupt noch ein Glied sein? Und was bin ich denn für ein Glied an diesem Leib? Ein kleiner Zeh? Der keine Möglichkeit hat, etwas zu ändern, was die da oben entscheiden? Ich habe die letzten Tage sehr mit mir gerungen. Soll ich mit meinem Geld, meiner Zeit, meinem Herzblut diese Institution wirklich noch unterstützen? Hier in Garching haben sich viele in den letzten Tagen entschieden, der Kirche den Rücken zu kehren. Und ich verstehe jeden Einzelnen. Einer Institution, die an der ewig gestrigen Hierarchie festhält. In der man sich gegenseitig deckt und zu keinem Schuldeingeständnis fähig ist. Einer Institution, die jedes Feuerwehrauto, jeden Fotoapparat und was weiß ich noch alles segnet – aber ein gleichgeschlechtliches Paar oder einen geschiedenen Menschen vor die Tür weist.

Ich bin tief enttäuscht, wenn ich nur daran denke, was für ein Jubeltag der Papstbesuch 2006 in Altötting, auch für mich war. Dabei wusste der Papst damals alles. Ich selbst bin als junges Mädl regelmäßig am Sonntagabend nach Garching gefahren und habe mit vielen anderen dem Pfarrer H. zugehört. Ein genialer Prediger! Aber wie sich herausgestellt hat, kein Menschenfischer, sondern ein Rattenfänger. Wie kann man in Predigten so vieles, was falsch läuft, anprangern und selbst nebenbei Kinderseelen kaputtmachen? Mein ganzer spiritueller Lebensweg kommt darüber ins Wanken. War es vielleicht falsch, das Leben auf den Glauben auszurichten? Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit. Alles haben ich und meine Kinder gefeiert. Habe ich, haben wir aufs falsche Pferd gesetzt?

Wie gesagt, ich ringe sehr mit mir, wie mein Leben im Glauben weitergehen kann. Dann habe ich die Lesung des heutigen Sonntags nochmal gelesen. Und da ist mir aufgegangen: Es steht dort ja nichts von Kirche, es geht um „Christus“. Also dass ER der Leib ist und wir die vielen Glieder. Jedes Glied mit seiner Aufgabe.

Ich möchte nicht aufgeben. Ich möchte mithelfen, dass sich das Haus Gottes erneuert. Dass eine liebende und annehmende Kirche entsteht. In der es niemandem egal ist, wie es dem anderen geht.

Es ist wie in einer großen Familie, in der es viele Geheimnisse gibt und eine Atmosphäre der Angst herrscht. Das kennt, glaube ich, jede und jeder von uns ein wenig. Wer früher etwas gegen den Pfarrer, den Lehrer oder auch nur gegen das Familienoberhaupt gesagt hat, bekam selbst noch a Watschn und die berühmten Worte zu hören: „Des mecht i nimmer hern, da kemma ja ins Gred.“ So war es doch in vielen Familien, in vielen Gemeinden und eben auch in der ganzen Institution Kirche.

Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir kehren all dem den Rücken, oder wir stellen uns und fangen an, an den Verhältnissen zu rütteln. Heilung gibt es nur, wenn das System den Schrecken verliert. Wenn man darüber reden kann. Nur wer die Probleme benennt und die, die darunter leiden, anhört, beschützt und ihnen hilft, kann Frieden schaffen. Denn wenn ein Glied leidet, leiden alle mit, sagt Paulus in der Lesung. Wer nichts vertuscht, sondern endlich handelt, damit alles auf den Tisch kommt, baut an einem gesunden Leib.

Darum, bitte, engagiert euch! Wenn wir möchten, dass der Weg mit Jesus weitergeht, müssen wir an unserem Platz unserer Möglichstes tun. Ob im Pfarrgemeinderat, als Mesner, Kirchenverwaltung, Kirchenschmückerin, im Altenklub, im Synodalen Weg, bei Maria 2.0 und und und. Machen Sie mit! Damit in unserer Gemeinde Christi Leib gesund wird und bleibt.

Und wenn Sie sagen, was soll ich denn machen? Jedes Glied, egal wie groß oder klein, ist wichtig. Ich habe am Anfang gesagt, ich bin vielleicht nur ein kleiner Zeh. Aber jeder, der sich den kleinen Zeh mal am Türstock oghaut hod, der weiß, wie wichtig der sein kann…

Michaela Weinberger
ist Wortgottesdienstleiterin in Polling (Oberbayern).

Quelle: CHRIST IN DER GEGENWART 2022, Heft 8, S. 5
Herzlichen Dank an die Autorin und den Herder-Verlag für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
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