Impuls am Donnerstag, 30. Dezember

Stadttor

Eröffnung: Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.

Eingangslied GL 467, 1 + 5:
Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde; erfreue sich alles, was fröhlich kann werden.
Auf Erden hier unten, im Himmel dort oben: den gütigen Vater, den wollen wir loben.

Ihr Männer und Frauen, ihr Kinder und Greise, ihr Kleinen und Großen, einfältig und weise:
Auf Erden hier unten, im Himmel dort oben: den gütigen Vater, den wollen wir loben.

Eingangsbetrachtungen:
In der Bibel begegnen mir manchmal Zeilen, die mich irgendwie unruhig machen. Irgendwie fühle ich, dass da etwas dahinter steckt, das ich nicht erfassen kann. Im Buch der Klageliedern, aus dem manchmal in der Laudes gelesen wird, heißt es etwa:

Klagelieder Kapitel 5, Verse 14 und 15:
Die Alten bleiben fern vom Tor, / die Jungen vom Saitenspiel.
Dahin ist unseres Herzens Freude, / in Trauer gewandelt unser Reigen.

Es ist nachvollziehbar, wie Trauer und fehlendes Saitenspiel zusammenhängen. Aber was bedeutet es, dass die Alten vom Tor wegbleiben? Sitzt man nicht lieber gemütlich zu Hause oder vor dem Haus als am staubigen Stadttor? In der Literatur kann man finden, dass früher ein Stadttor nicht nur der Sicherheit diente, sondern auch Sitz der Verwaltung oder von Richtern war. Na gut, dann ist am Stadttor eben etwas mehr los, und vielleicht kann man hin und wieder einen guten Rat geben. Ist das so anziehend für ältere Menschen?
Einen anderen Deutungsansatz erfuhr ich in einem Urlaub bei der Besichtigung einer Burg: Die Historikerin wurde gefragt, ob diese kleine Burg jemals belagert und erobert worden sei. Und sie antwortete, dass das im Allgemeinen sehr selten versucht wurde. Eine Burg wurde vielleicht ausgehungert oder die darin Befindlichen am Verlassen gehindert, aber ein direkter Angriff war unüblich. Eher versuchte man es mit einem Trick: Wenn der Burgherr nicht da war, schickte der Feind am Abend eine kleine Truppe vor das Tor, die sich als entfernte Verwandte der Besitzer ausgaben. Wenn man überzeugend auftrat und niemand in der Burg diesen Vetter aus Dingsda jemals gesehen hatte, wurde vielleicht das Tor geöffnet und ein Handstreich konnte geklingen.
Bei dieser Erklärung fielen mir die Alten ein, die in guten Zeiten am Tor saßen und vielleicht wussten, dass der Vetter eigentlich schielte oder humpelte oder andere körperliche Merkmale hatte, die leicht überprüft werden konnten. Oder sie hatten ihn sogar schon einmal mit eigenen Augen gesehen und konnten ganz direkt mit Sicherheit sagen, ob dies ein Besuch oder ein Überfall war. Sie waren erfahren und konnten so die Sicherheit für alle Bewohner hinter dem Tor erhöhen. Ein Dienst, der Ansehen und Vertrauen schafft.
Heute wird die Identität von Menschen mit maschinenlesbaren Codes oder NFC-Kommunikation überprüft, ältere Menschen sind in unserer Zeit immer öfter auf die Hilfe der jüngeren Generationen angewiesen und haben Schwierigkeiten, ihren Erfahrungsschatz einzubringen. Das Rollenbild des älteren Menschen, bei dem man sich immer einen guten Rat holen kann, gerät angesichts moderner Technik oft ins Wanken.

Evangelium nach Lukas, Kapitel 2, Verse 36-40
In jener Zeit lebte eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Pénuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. [..]

Auslegung:
Ich sehe diesen Text als ein Beispiel für den Erfahrungsschatz älterer Menschen. Hanna mit all ihrer Lebens- und Gebetserfahrung ist gemeinsam mit dem vermutlich ebenso alten Simeon die erste Verkünderin der Ankunft des Herrn im Tempel. Lange vor Johannes dem Täufer weist sie auf den Menschensohn hin und bestärkt so alle in der Hoffnung, die auf Erlösung warten. Manchen hat diese Ermutigung vielleicht ermöglicht, bereit zu sein für die kommenden Begegnungen mit Jesus Christus.
Die Frage: „Was soll ich tun? Worauf liegt Segen?“ begleitet uns auch heute. Sie kann nur selten von moderner Technik beantwortet werden. Aber vielleicht können wir die Lebens- und Gotteserfahrungen der älteren Generation schätzen und nutzen, um uns hier so manchen guten Rat zu holen? Was passt zu mir, was ist mein Weg? Auf wen kann ich bauen? Ein offenes, vertrauensvolles Gespräch kann helfen, Klarheit zu finden. Und auch in anderen Fragen unserer Zeit, wie der Zurückdrängung extremer politischer Positionen oder den Umgang mit Zeiten persönlicher Not, können generationsübergreifende Unterhaltungen wertvoll sein. Ich will versuchen, diese Chance wieder mehr zu nutzen!

Segensbitte:
Vater im Himmel, Du hast die Menschen verschieden und vielfältig geschaffen. Lass uns diese Vielfalt nutzen, um Rat zu suchen und unterschiedliche Positionen kennenzulernen. Segne das Gespräch über Altergrenzen hinweg und unterstütze den Austausch der Generationen, damit Deine Weisheit immer wieder weitergereicht werden kann.
Dazu segne uns der dreifaltige Gott: der + Vater, der + Sohn und der + Heilige Geist. Amen.

Zum Ausklang:
Unser Eingangslied war früher (Straßburger Gesangbuch von 1697) ein Weihnachtslied mit abweichender vierter Zeile. Also können wir es gut noch einmal singen:

Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde; erfreue sich alles, was fröhlich kann werden.
Auf Erden hier unten, im Himmel dort oben: das Kindlein im Krippelein wollen wir loben.

Ihr Männer und Frauen, ihr Kinder und Greise, ihr Kleinen und Großen, einfältig und weise:
Auf Erden hier unten, im Himmel dort oben: das Kindlein im Krippelein wollen wir loben.

(Christoph Nitsche)