Kreuzweg in der Stadt 07.04.19

Seit etwa 15 Jahren gestalten die Gemeinden St. Franziskus Xaverius und St. Josef im Wechsel den „Kreuzweg in der Stadt“. Wir möchten diesen Weg heute und auch in den nächsten Jahren weiterführen. Wir laden jetzt zu dieser gemeinsamen Stunde ein, wünschen uns aber auch Ideen und Mithilfe für die nächsten Jahre. Wege, Gebäude oder Gedenksteine im Umfeld aller unserer Gemeinden können Anregungen für solche Betrachtungen sein.
Beim diesjährigen „Kreuzweg in der Stadt“ begegnen Not und Leid, aber auch dem Dienst an den Leidenden. Der Kreuzweg will darauf schauen, wie der verurteilte Jesus Christus mit seinem Kreuz den Weg nach Golgota auch durch unsere Stadt gehen muss.

Station 1: Kreuzung Bischofsweg / Prießnitzstraße
Eine Straßenkreuzung / Sich entscheiden für (m)einen Weg
An dieser Stelle treffen 3 Stadtbereiche zusammen, die sehr unterschiedliche Schwerpunkte beinhalten:

* Das Preußische Viertel
– Wohlstand, Sicherheit, schöne Umgebung und ein angenehmes Leben
– heraus gehoben aus der Allgemeinheit
– besser gestellt sein – mit Abgrenzung oder mit einem Blick für die anderen?

* Die Äußere Neustadt
– buntes junges Leben, neue Bürgerlichkeit, auch schräge Vögel am Rande der Gesellschaft
– vielfältige Kultur bis in die schrillen Ränder
– ein Szeneviertel für die ganze Stadt
– Sehe ich die Vielfältigkeit der Menschen oder gehe ich über manches hinweg – achtlos oder verachtend?
– Gelten noch die Regeln des Zusammenlebens oder macht jeder, was er will?

* die Prießnitz aufwärts in die Dresdner Heide
– Natur und Stille
– Rückzugsort / Einsiedelei
– Lasst mich in Ruhe, ich gehe in den Wald!

Für welchen Weg entscheide ich mich? Was hat Gott mit mir vor? Welchen Weg ist Jesus Christus gegangen in seinem Leben. Wir haben seinen Weg als Vorbild. Wir bemühen uns um Nachfolge. Doch wir wissen: Jesus ist für diesen Weg verurteilt worden und muss nun sein Kreuz auf sich nehmen und nach Golgota tragen.
Jesus spricht: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt 26,39)

Station 2: Prießnitzstraße / Ecke Sebnitzer Straße
Wir stehen mitten in der Neustadt. Ein MultiKultiViertel: Menschen aus vielen Ländern, viel junges alternatives Volk; die Kleidung verrät, dass man sich hier geben kann wie es einem gefällt. Fußgänger und Radfahrer haben hier meist die „Vorfahrt“. Aufregen ist nicht angesagt. Kneipen, Cafés, Bars bieten Essen und Trinken aus aller Herren Länder. Ehemalige Studenten gründen Familien, suchen nach alternativem Lebensstil, ökologisch und nachhaltig, mit viel gesellschaftlichem Engagement – denken wir an die vielen Initiativen für die Flüchtlinge. Auf der Internet-Platform „nebenan.de“ kommunizieren einige tausend Nachbarn miteinander: Man verabredet sich zum Kochen und Essen, gründet Gruppen und Initiativen, fragt nach einem Wagenheber, lädt zu Veranstaltungen, tauscht Blumenzwiebel gegen Babysitten.

Und doch ist das KREUZ nicht weit: Steigende Mieten, Alkohol- und Drogenkonsum, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung, versteckte und offene Armut und Heimatlosigkeit, Alleinerziehende in finanzieller Not, Einsame, Ältere, die nicht mithalten können, Junge, denen es nicht gelingt, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen….
Schauen wir auf uns: Kenne ich selbst das Kreuz der Einsamkeit…, das Kreuz des Versagens und Scheiterns, der Angst vor dem Leben?

GEBET:
Herr Jesus Christus, durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Wir bitten dich:
Geh durch diese Straßen,
berühre die Herzen,
sei denen nahe, die keinen Menschen haben.
Schließ unser Herz auf,
dass wir uns dir und einander anvertrauen.
So wie du deine Mutter Maria und deinen Jünger Johannes einander anvertraut hast.

Jesus spricht: „Frau, siehe deinen Sohn“. „Siehe, deine Mutter.“ Joh 19, 26-27

Station 3: Substitutionsausgabestelle
Mitten in der Dresdner Neustadt, verborgen hinter dieser unscheinbaren Tür, befindet sich eine in Dresden und Umgebung einmalige Arztpraxis. Hier in der Außenstelle erhalten täglich ca. 100 heroinabhängige Frauen und Männer ein Ersatzmedikament. Dieses wirkt abgeschwächt wie Heroin, verschafft aber nicht den starken „Kick“, den die Droge bietet. Das Ziel der Behandlung sind die bei Heroin heftigen Entzugserscheinungen und den dadurch hervorgerufenen permanenten Beschaffungsstress zu mindern. Das soll die Beschaffungskriminalität wie Diebstahl, Prostitution und Gewalt eindämmen und eine schrittweise soziale Reintegration fördern.
Außerdem kann das Risiko sich mit Aids oder HIV zu infizieren gemindert und bereits infizierten Menschen eine Therapie angeboten werden. Trotz all dieser positiven Effekte, verbleiben Menschen weiterhin in einer Abhängigkeit, denn auch die Ersatzmedikamente haben sehr hohes Suchtpotential, so dass jahrelange Behandlungen üblich sind. Weil der „Kick“ fehlt, kommt es nicht selten zum Beikonsum von Heroin oder anderen Drogen. Manche müssen dann das Ersatzprogramm verlassen.

• Was kommt mir in den Sinn, wenn ich an diese Menschen denke?
• Nehme ich im Trubel meines Alltags überhaupt das Leid von Suchtkranken und ihrer Angehörigen wahr?
• Kenne ich Menschen persönlich, die von einem Suchtmittel abhängig sind?
• Was sind meine offenen und versteckten Abhängigkeiten?
• Was hält mich ab, meinen Lebensdurst an der Quelle das lebendigen Wassers zu stillen?

Gebetsruf: „Herr Jesus Christus, ausgestreckt hängst Du am Kreuz, ausgestreckt zwischen Himmel und Erde. Ausgestreckt hängst Du am Kreuz, ausgestreckt unsere Welt zu umarmen.“

Denn mein Volk hat eine zweifache Sünde begangen: Mich, die Quelle des lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen zu graben, löchrige Zisternen, die kein Wasser halten!“ (Jeremia 2, 13)

Station 4: Mutter-Kind-Haus Malvina e.V.
Wir stehen vor einem Mutter-Kind-Haus. Hier können Schwangere und Frauen ab 14 Jahren, mit ihren Kindern Aufnahme finden. Das Haus verfügt über 6 möblierte Zweiraumwohnungen, Gemeinschaftsräume, Büro und Bereitschaftszimmer sowie einen schönen Garten mit Spielmöglichkeiten und ist durch die Mitarbeiterinnen rund um die Uhr besetzt. Auch Schwangere haben hier einen sicheren Ort, an dem sie sich auf die Geburt ihres Kindes vorbereiten können. Die Mütter erhalten Beratung und Unterstützung bei der Versorgung und Erziehung der Kinder, der Haushaltsführung, der Finanzeinteilung und der Stabilisierung ihrer Lebensumstände. Zeitgleich sind immer bis zu sechs schwangere oder Mütter mit ihren Kindern im Haus.

• Kenne ich Eltern und Kinder, die Unterstützung gebrauchen könnten?
• Bin ich bereit mein Herz und meine Tür zu öffnen?
• Wo werde ich umarmt und getragen?
• Kann ich selber Hilfe annehmen?
• Was ist mein Zufluchtsort?

Gebetsruf: „Herr Jesus Christus, ausgestreckt hängst Du am Kreuz, ausgestreckt zwischen Himmel und Erde. Austreckt hängst Du am Kreuz, ausgestreckt unsere Welt zu umarmen.“

„Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.“ Jesaja 40,11

Station 5: Prießnitzstraße Alter jüdischer Friedhof
Wir stehen am alten jüdischen Friedhof. Jesus war Jude. Dies ist der älteste noch erhaltene jüdische Friedhof in Sachsen. Heute Kulturdenkmal, ehrenamtlich betreut durch den HATiKVA e.V. mit Sitz an der Pulsnitzer Str. 10.
1750 – nach langen Versuchen und Bitten, wurde den jüdischen Familien Dresdens gestattet, ihre Toten hier zu begraben – nur nachts und gegen hohe Gebühren. Zuvor mussten sie ihre Toten über das Erzgebirge nach Teplitz in Tschechien bringen. Zugewiesen wurde ihnen dieser Ort am Prießnitzbach – außerhalb der Stadt. 1869 – gut 100 Jahre später – wurde er wieder geschlossen und durch den neuen jüdischen Friedhof in Johannstadt abgelöst.
Dieser jüdische Friedhof mag uns fragen lassen, wie wir mit dem Fremden umgehen, mit fremden Religionen und Kulturen, mit Menschen, die anderes sind als wir selbst, mit dem unbekannten Nachbarn.
Was uns fremd ist, verunsichert uns, macht Menschen Angst. Wir können aber das Fremde nicht ausgrenzen, nicht ausmerzen – durch noch so hohe Grenzzäune in uns und um uns herum. So wie diesen Friedhof – der heute mitten in der Stadt liegt. Das Fremde, Unbekannte – es steckt in uns selbst. Ich selbst bin mir in Vielem ein Fremder.
Warum bin ich so? Warum handle ich so? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wer bin ich? Viele Menschen suchen ein Leben lang nach Antworten auf diese Fragen.
Nur allzu schnell projizieren wir das Fremde, Unbekannte, auf andere Menschen, andere Kulturen. Von da ist es ein kurzer Schritt, einen Sündenbock zu suchen, wenn etwas schief läuft: „Die“ Juden, „die“ Moslems, „die“ Jesiden, „die“ Afrikaner, „die Christen“….

* Gibt es Menschen, die ich ablehne, mit denen ich nichts zu tun haben will?
* Welche Schritte unternehme ich, um Fremdes kennen zu lernen?
* Bin ich bereit, meine Vorurteile zu überprüfen?

Lasst uns beten:
Herr, erbarme dich unser.
Vergib uns unsere Schuld.
Verzeih uns, wo wir uns erheben über andere.
Lass uns jeden Menschen achten, so wie du uns achtest.
Darum bitten wir in Jesus Namen. Amen.

Mit dem Schächer am Kreuz beten wir: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Lk 23,42

Station 6: Prießnitz Straße / Carte Blanche: Carte Blanche
Wir stehen vor den Gebäuden von Pfunds Molkerei. 1879 gründete Paul Gustav Leander Pfund seinen Milchladen in der Görlitzer Str., zog aber bald in die Bautzener Str. 41. Er wollte Dresden zuverlässig mit frischer Milch versorgen und bot als erster in Deutschland 1886 Kondensmilch an. Er war darauf bedacht, alle Erfordernisse des Betriebes selbst zu erwirtschaften. Daher gab es viele eigene Zulieferbetriebe, Wohnungen für die Angestellten und einen Festsaal. Zum Ende der DDR verfielen die Gebäude. Seit 2003 ist hier das „Carte Blanche“ zu Hause. Dieses Travestie-Theater setzt einen schillernden Punkt in die Dresdner Kulturszene.
Pfunds Molkerei – Carte Blanche – Rollen im Leben:
Startup-Ideen, Unternehmergeist, wirtschaftlicher Erfolg – das sind Rollen, die wir schätzen. Männer in Frauenkleidern, sexuelle Anspielungen – so etwas macht man nicht!
In welchen Rollen drücke ich mich aus? Können die anderen mein Wesen erkennen? Wie viel Wunsch, wie viel Zwang steckt darin? Ist Platz für die Rollen der anderen? Dürfen die anderen so sein, wie sie sind? Vielleicht auch so schräg, wie sie sind? Welche Rollen weise ich Ihnen zu, welche spreche ich Ihnen ab? Kann ich in einem schrägen Spiegel manche Linie neu erkennen? Und im ausgefallenen Bild mein eigenes Schrägsein? Kann ich den anderen so akzeptieren, wie er ist, weil Gott genug Platz hat für alle?

Jesus Christus ist gerade auf ausgefallene Leute zugegangen: den Zöllner, die Sünderin, die Frau am Jakobsbrunnen, den Verbrecher neben ihm am Kreuz. Auch dafür ist er verurteilt worden und hat sein Kreuz nach Golgota getragen.

Jesus spricht: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Joh. 14.2)

Station 7: Prießnitz-Tunneleingang
Wir stehen neben der Prießnitz. Sie hat uns auf unserem Kreuzweg durch die Stadt begleitet. Ein Sinnbild für den Lebensfluss, den Lebenslauf.
Hier verschwindet die Prießnitz unter der Bautzner Straße. Es ist die letzte Station unseres Kreuzweges. Ein Tunnel, ein dunkler Weg.

Der letzter Weg Jesu auf dieser Erde war ein dunkler, ein schwerer. Ein Weg ins Unbekannte.
Dieser Weg steht uns allen, ja, jeden Menschen bevor.

Von der Prießnitz wissen wir, dass sie einige hundert Meter weiter wieder auftaucht: Sie fließt hinein in die Elbe, und weiter ins Meer.
Lassen wir uns trösten durch dieses Bild! Alles Dunkel hat einmal ein Ende.
Jesus ist nach 3 Tagen auferstanden in das Licht Gottes, in die ewige Sonne und Liebe Gottes.

Jesus sagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“.

Beten wir für uns und alle Menschen:
Herzliebster Jesus, geh mit uns.
Geh mit uns durchs Leben.
Geh mit uns durch den Tod.
Lass uns heimfinden zu dir.
Lass alle Menschen ankommen bei dir.
Amen.

LIED: Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht.

Norbert Walsch, Manfred Kuhn, Rebekka-Chiara Hengge