Liturgie am Sonntag – 10. Mai 2020

Gibt es das heute noch, einen Eckstein?

Einführung
GL 142: Zu dir, o Gott, erheben wir
„Herr, zeige uns die Wege dein und lehr uns deine Pfade.“

Dieser Gottesdienst verbindet uns mit den Menschen in der Justizvollzugsanstalt am Hammerweg, denen wir um 10:00 Uhr ein kleines Stück von Gottes Gnade überbringen dürfen. Denken Sie auch an die Menschen dort, wenn Sie diese Zeilen lesen. Auch in ihnen begegnen wir Jesus Christus.

Lesung: 1 Petr 2, 4–9
Kommt zum Herrn, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen,
aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist!
[…] der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Psalm:
GL 71, 1 + 2
„Selig, wer Gott fürchtet und auf seinen Wegen geht.“

Halleluja, halleluja, halleluja!

Evangelium: Joh 14, 1–12
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
[…] Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen
und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater

 

Auslegung:

Haben Sie schon mal ein Schriftstück bekommen, das Sie nicht verstanden haben? Ich muss ja wie die Meisten eine Steuererklärung abgeben, und ich kann mich gut erinnern, wie verblüfft ich einmal war, als ich in dem vierseitigen Antwortdokument neben großen, offenbar komplett automatisch generierten Hinweisen, Anmerkungen, Rechtsbelehrungen und Haftungsausschlüssen auch einmal drei Zeilen fand, die sich ganz konkret auf meinen Fall bezogen und nur für mich da hingeschrieben waren. Das hatte ich gar nicht erwartet.

Sie haben sicher auch schon einigen Papierkram hinter sich, und oft werden Sie froh gewesen sein, wenn jemand da war, der Ihnen da erklärt hat: Was ist wichtig, was ist nur ein allgemeiner Belehrungstext, wo sind konkrete Handlungen erforderlich. Denn manchmal traut man sich kaum noch nachzufragen, weil man ja auch nicht wie ein Vollidiot dastehen will.

Wie war das eigentlich bei Jesus? Zum einen wissen wir, dass er mit seinen Predigten viele – auch einfache – Leute begeistert hat, während die gebildeten Schriftgelehrten eher skeptisch waren. Auf der anderen Seite haben wir oft gelesen, dass seine Jünger auch nicht so genau wussten, wie ein Gleichnis gemeint war und er es ihnen geduldig noch einmal erklärt hat. Ich habe den Eindruck, die Jünger haben sich auch manchmal nicht getraut, nachzufragen.

Auch heute hat Jesus eindrucksvoll gesprochen: „… glaubt an mich!“ und „Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten“ und eben auch „wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.“.

Und Thomas hält es nicht mehr aus, er muss den Meister unterbrechen: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“. All diese Hinweise auf Tod und Auferstehung – das ist bei den Jüngern noch nicht wirklich angekommen. Wer will es ihnen verdenken, es ist ja auch ein radikaler Schritt, den Jesus da vorhat, niemand hat das jemals vor ihm getan.

Und ich bin froh, dass Thomas den Mut hatte nachzufragen. Denn es zeigt mir, dass die Jünger nicht eine besondere Erleuchtung hatten oder besonderes Wissen – sie waren so überrascht wie wir es oft sind, wenn wir an die Auferstehung denken. Sie ist und bleibt unvorstellbar. Aber Thomas fragt nach. Er wird noch mehrfach sprechen, wenn er etwas nicht verstanden hat, bis hin zur Erscheinung des Herrn nach Ostern, von der ihm die anderen berichten, und die er auch nicht glauben kann: „Wenn ich […] meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“.

Ihm mag etwas der Glaube fehlen, aber nicht die Vernunft und nicht der Mut. Das macht mich froh, denn mein Glaube reicht auch nicht an jedem Tag aus, um Gott nachzufolgen, und dann bin ich froh, wenn wenigstens etwas Vernunft und Mut mich nicht verlassen. Und wir wissen von Thomas, dass er nach Pfingsten loszieht, als der Heilige Geist ihn noch einmal besonders gestärkt hat. Es hält ihn nicht, er geht immer weiter nach Osten und verkündet – so die Legende – bis nach Indien die Auferstehung des Herrn Jesus Christus. Viele Millionen Christen berufen sich auch heute dort noch auf ihn, er ist ein Eckstein ihres Glaubens an Gott. Der ungläubige Thomas – was hat er alles bewirkt.

So ein Umschwung, so ein Aufschwung ist nichts Ungewöhnliches, wo Gottes guter Geist weht. Jeder kann im Vertrauen auf Gott vom Verlierer zum Jünger werden. Es ist immer noch rechtzeitig, sich heute für Gott zu entscheiden. Selbst über Jesus wird genau so in der Bibel geschrieben, wie wir in der Lesung gehört haben: Der „Stein, den die Bauleute verworfen haben“ entpuppt sich als „ein[en] Eckstein, den ich (Gott) in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.“. Wer gedacht hat, dass Jesus am Kreuz gescheitert ist, sieht sich getäuscht. Und wer denkt, dass ein bestimmter Mensch im Leben gescheitert ist – ob ich das nun manchmal von mir denke oder jemand Anderes von Ihnen – oder Ihnen – , der kann schon in der nächsten Minute eines Besseren belehrt werden. Vielleicht kommt niemand von uns bis nach Indien, um dort das Evangelium zu predigen. Die Inder haben inzwischen wohl auch gute eigene Prediger. Aber es gibt immer Jemanden in meiner Nähe, der sich über eine gute Botschaft freut, über Worte der Stärkung, des Vertrauens, der Achtung. So kann jeder von uns zum Eckstein werden.

Und selbst, wenn wir das nicht mehr hinbekommen: Weil uns im letzten Moment der Mut verlässt, weil wir es doch falsch anfangen, weil wir kein großer Prediger oder Menschenfreund werden. Auch dann gilt für uns die Zusage, an die wir fest glauben dürfen: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. […] Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten“.

Freuen wir uns auf diesen Platz, der schon für uns vorbereitet ist.

Amen.

 

Predigtlied:
GL461: „Mir nach“, spricht Christus, unser Held
„Ich bin der Weg, ich weise wohl, wie man wahrhaftig wandeln soll.“

Fürbitten:

Jesus Christus, Du bist uns vorausgegangen. Aber Du bist nicht aus unserer Welt verschwunden, sondern bleibst bei uns als Eckstein unseres Lebens. Wir bitten Dich:

Für alle, die niemanden haben, mit dem sie ihre Fragen besprechen können:
Lass sie offene Ohren und Herzen finden.
Christus, Du Eckstein des Lebens – A: wir bitten dich, erhöre uns.

Für alle, die ihren Weg durchs Leben suchen:
Zeige ihnen, wo sie gebraucht werden.
Christus, Du Eckstein des Lebens – A: wir bitten dich, erhöre uns.

Für alle, die zu anderen Menschen sprechen:
Lass sie verständliche Worte finden.
Christus, Du Eckstein des Lebens – A: wir bitten dich, erhöre uns.

Für alle, die nicht glauben können:
Komm ihnen in deiner Güte entgegen.
Christus, Du Eckstein des Lebens – A: wir bitten dich, erhöre uns.

Für alle, die uns vorausgegangen sind:
Lass sie ihren Platz bei Dir finden.
Christus, Du Eckstein des Lebens – A: wir bitten dich, erhöre uns.

Herr Jesus Christus, Du freust Dich darauf, dass wir eines Tages bei dir einziehen. Bereite unsere Herzen in rechter Weise darauf vor, heute und in Ewigkeit. – Amen.

 

Ausklang und Segen:
GL 385: Nun saget Dank und lobt den Herren
„Gesegnet seid ihr allzusammen, die ihr von Gottes Hause seid.“

Christoph Nitsche