Liturgischer Impuls, 18.März 2021

Elemente Geschwisterlicher Spiritualität nach Franz und Klara von Assisi

Diese Doppelberufung als Mann und als Frau in die Nachfolge Jesu ist eine spannende und reiche Berufung. Was können die beiden Menschen von damals uns heute sagen? Was können sie uns heute vielleicht neu ins Bewusstsein rufen? Ich lade Sie ein, ein Element der Geschwisterlichen Spiritualität neu zu entdecken.

 

 Element Fünf  –

PERSÖNLICH UND GEMEINSCHAFTLICH UMKEHREN

Am Ende seines Lebens hat Franz in seinem Testament sein Ideal in den Worten zusammengefasst: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen“ (Test 1). Als die ersten Brüder auf ihren Predigtzügen gefragt wurden, wer und was sie seien, antworteten sie schlicht und einfach: „Büßer aus der Stadt Assisi“ (DreiGefLeg 37). Evangelische Vollkommenheit bedeutet für Franz, „im wahren Glauben und in der Buße aus(zu)harren“ (NbReg 23 ,7). Gott allein wird zur Mitte seines Lebens. „Nichts anderes wollen wir darum ersehnen, nichts anderes wünschen, nichts anderes soll uns gefallen und erfreuen als unser Schöpfer und Erlöser und Heiland“ (NbReg 23,9). Zunächst geht es Franz um die persönliche Buße als Form der Umkehr, um eine existentielle und immer wieder neu einzuübende Grundhaltung Gott und den Menschen gegenüber.

Dazu lädt er alle Menschen ein. Das Mittel, das Franz für seine Verkündigung wählt, ist die Bußpredigt (vgl. BrKust I6). Alle Menschen und auch die ganze Schöpfung sollen im Sinne der biblische „metanoia“ umkehren zu Gott und ihn als Schöpfer, Erlöser und Retter anerkennen. In der Nichtbullierten Regel (NbReg 21) findet sich eine Vorlage, wie die Brüder eine solche Bußpredigt halten sollen. Dieser Bußruf („exhortation“), der auch von Laien vollzogen werden konnte, ist zu unterscheiden von der Bußpredigt („praedicatio“), die als Verkündigung der kirchlichen Lehre den Amtsträgern (Bischöfe, Priester und Diakone) vorbehalten war. Der Bußruf (die „Exhorte“) war volkstümlich auf das praktische Leben ausgerichtet, fand auf Straßen und Plätzen statt, entsprang spontan dem Herzen und nahm oft die Form eines Liedes an.

Klara lernt, ihre eigenen Vorstellungen und Erwartungen loszulassen und ihren Blick ganz auf den Willen Gottes zu richten. Durch die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Leben wird sie immer offener für Neues, für Unbekanntes – für Gott. Sie verlässt San Paolo delle Abbadesse und schließt sich einer Gruppe von Frauen an, die in Sant‘ Angelo di Panzo ohne feste Regeln gemeinsam Nachfolge Jesu Christi leben. Klara lässt sich auf die vor allem durch Buße bestimmte Lebenspraxis der Frauen ein, spürt aber schnell, dass dies nicht ihr Ort ist – dass auch dieser Weg ihre innere Unruhe nicht beantwortet. Ihre authentische Suche stößt innerhalb der Gruppe bei einigen auf Ablehnung, besitzt aber ebenso eine enorme Anziehungskraft; neben einer Gefährtin aus Kindertagen schließt sich Klara auch ihre Schwester an. Die drei beschließen, sich gemeinsam auf den Weg – auf die Suche nach Gott – zu machen. Sant´Angelo di Panzo wird zum Ort der Suche für Klara.

Gott ruft, ihm im Unbekannten zu begegnen. Gott ruft, alles Eigene loszulassen und sich auf die Suche zu begeben: eine Suche nach etwas, das man nicht finden kann.

Franziskanische Spiritualität heute: Volkstümliche Ansprache. Einladung zur persönlichen Umkehr und Erneuerung. Kreative Gestaltung. Hinwendung zu den „Kirchenfernen“. Reflexion des eigenen Lebens(stiles). Neuorientierung auf das Reich Gottes hin. Benennung ungerechter Systeme und „struktureller Sünden“.

Lesung vom Tag – Ex 32, 7-14

In jenen Tagen sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben. Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die sich aus Ägypten heraufgeführt haben. Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es. Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen. Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Marcht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt. Sollen etwa die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Lass ab von deinem glühenden Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest. Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will euch Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und : Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben uns sie sollen es für immer besitzen. Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

Wort des lebendigen Gottes.

 

Musik: Marco Gulde – Aufnahme „Und lass uns ihn loben“ vom 14.03.2021  

 

Kurze Erklärung zum Hintergrund der Reihe der Geschwisterlichen Elementen: 

Da auch das Leben und Wirken von Franz und Klara äußerst vielfältig und vielschichtig sind, beschränkt sich die Darstellung auf einige wesentliche Grundzüge seiner bzw. ihrer Spiritualität sowie kurzer Hinweise auf Bestandteile einer Geschwisterlichen Spiritualität heute.

Text: Franz-Josef Herzog und Grundauszüge aus der Reihe von Br. Stefan Federbusch OFM und der Föderation deutschsprachigen Klarissen.

Bilder privat: Klosterkapelle San Damiano in Assisi.