Liturgischer Impuls am Dienstag, 09.März 2021

Elemente Geschwisterlicher Spiritualität nach Franz und Klara von Assisi

Diese Doppelberufung als Mann und als Frau in die Nachfolge Jesu ist eine spannende und reiche Berufung. Was können die beiden Menschen von damals uns heute sagen? Was können sie uns heute vielleicht neu ins Bewusstsein rufen? Ich lade Sie ein, ein Element der Geschwisterlichen Spiritualität neu zu entdecken.

 

 Element Vier  –

EINANDER BARMHERZIGKEIT ERWEISEN

Franz war es wichtig, niemanden zu verurteilen, weder ob seiner Kleidung noch seines Lebensstiles noch seiner Verfehlungen (vgl. DreiGefLeg 14,58). Auch gegen die Brüder, die sich verfehlt hatten, übte er Nachsicht und Barmherzigkeit und forderte dies auch von den Ministern (Leitungsverantwortlichen) ein: „Und darin will ich erkennen, ob du den Herrn und mich, seinen und deinen Knecht, liebst, wenn du folgendes tust, nämlich es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Er­barmen will. Und würde er danach auch noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, da­mit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer Erbarmen“ (BRMin 9f.)  Die ersten Gefährten bestätigen, dass Franz selbst diese Haltung gelebt hat: „Denn Franziskus sprach voll Mitleid zu ihnen, nicht wie ein Richter, sondern wie ein barmherziger Vater zu seinen Söhnen und wie ein guter Arzt zu den Kranken. Er verstand es, mit den Schwachen schwach und mit den Betrübten traurig zu sein“ (DreiGefLeg 14,59). Ein exemplarisches Beispiel dafür ist seine Solidarität mit dem Bruder, der nachts von Hunger gequält wird. „Da ließ der selige Franziskus ein Mahl bereiten, und weil er ein Mensch voll Liebe und Weisheit war, aß er mit jenem Bruder, damit er sich nicht schäme, allein zu essen; und weil er es so wollte, aßen auch alle anderen Brüder mit ihm“ (Spiegel der Vollkommenheit 27).

 

Klara schrieb einige Brief im Laufe ihres Lebens. Diese sind uns überliefert. Ein Teilausschnitt aus einem dritten Brief an die Agnes von Prag, möge uns eine Gebetsschule sein, „In diesen Spiegel schaue täglich“ – Klara könnte damit verschiedene „Spiegel“  gemeint haben. Persönlich fallen mir folgende ein, wie z.B.  Spiegel vor dem Allerheiligsten, Spiegel beim Lesen und Hören von Evangelien, Spiegel der Kreuzbetrachtung Jesu, Spiegel der absoluten Stille vor Gott, Spiegel in der Meditation, Betrachtung und/oder Gebet, Spiegel in der Eucharistie …  

Klara schrieb damals u. a. folgende Zeilen an ihre Freundin Agnes aus Prag …

Stelle Deine Gedanken vor den Spiegel der Ewigkeit.

Stelle Deine Seele in den Glanz der Herrlichkeit Gottes.

Stelle Dein Herz vor das Bild der Wesenheit Gottes.

Lasse Dich im Gebet verwandeln und umformen in das Abbild seiner Gottheit.

In diesen Spiegel schaue täglich  … und spiegle stets in ihm Dein Angesicht … (3 Ag 12-17, in Klara-Quellen)

 

Geschwisterliche Spiritualität heute: Barmherziger Umgang mit der eigenen Unvollkommenheit und Schwäche und mit der der anderen. Wertschätzung auch des Fragmentarischen und Gebrochenen.

Aus dem Tagesevangelium nach Matthäus 18, 21-35

In jeder Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem was er besaß, zu verkaufen uns so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknechten, der ihm hundert Denáre schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknechten Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und ein seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Evangelium, frohe Botschaft unseres Herren Jesus Christus

Kurze Erklärung zum Hintergrund der Reihe der Geschwisterlichen Elementen: 

Die Berufung von Franz und Klara war es, das Evangelium (griech. = gute Nachricht) zu leben. Bedingt durch die Vielfalt des Evangeliums ist es immer nur möglich, bestimmte Aspekte hervorzuheben und in eine bestimmte Lebensweise umzusetzen. Die Spiritualität (spiritus: latein. = Geist) eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen ist daher geprägt von dem Blickwinkel, von dem er bzw. sie auf das Evangelium schaut und von den Erfahrungen, die sein bzw. ihr Leben geprägt haben.

Da auch das Leben und Wirken von Franz und Klara äußerst vielfältig und vielschichtig sind, beschränkt sich die Darstellung auf einige wesentliche Grundzüge seiner bzw. ihrer Spiritualität sowie kurzer Hinweise auf Bestandteile einer Geschwisterlichen Spiritualität heute.

Text: Franz-Josef Herzog und Grundauszüge aus der Reihe von Br. Stefan Federbusch OFM.

Musik: Marco Gulde – Aufnahme „Franziskus Du Bruder, Du Narr“ vom 05.03.2021  

Bilder privat: Klosterkapelle San Damiano in Assisi.