Liturgischer Impuls am Dienstag, 16.03.2021

Vincent van Gogh, Der Sämann bei untergehender Sonne, 1888
Quelle: E.G. Buhrle Foundation Collection Zürich
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt –
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen,
und ihr Halm ist grün.
  (Text: Gotteslob, Nr. 845,1)

Aussaat und Ernte – das sind wesentliche Themen unseres Lebens. So sieht es auch der Maler Vincent van Gogh und schreibt im Februar 1883 an seinen Bruder Theo: „Man beginnt immer deutlicher zu erkennen: Das Leben ist nur eine Zeit der Aussaat, und die Ernte ist nicht hier.“
So malt es der Maler auf einem seiner späteren Bilder („Der Sämann“, 1888), die als Gleichnisse gedeutet werden können: Die eher dunkle und schwere Gestalt des Sämanns bei der Arbeit – und die goldene Sonne des Ewigen, welche alles Irdische überhöht und überstrahlt. Die Ernte ist nicht hier. Da ist noch mehr Leben nach dem Leben. Die irdische Zeit ist nicht alle Zeit. Mein irdisches Leben ist nicht mein ganzes Leben. Nicht nur in diesem Leben leben wir, sondern auch in dem Leben, das Christus nach dem Erdenleben mit uns lebt. Auch das ist ein Grund, mitten in der österlichen Bußzeit LAETARE zu feiern.
Vincent van Gogh war ein wilder, aber auch ein milder Maler. Er malte die kleinen Leute um ihn herum, ihre Arbeit, ihre Traurigkeiten, ihre geplagten Leiber und Hände. Vincent van Gogh wollte kein geschöntes Leben, sondern ein wahres. In den letzten Jahren seines kurzen Lebens (1853-1890) wurden die Farben kräftiger, dicker und immer mehr zum Gleichnis für das Irdische und das Himmlische. Er hatte immer mit der Armut in einfachsten Zimmern oder Heilanstalten zu kämpfen. Heute gehören seine Bilder zu den schönsten und teuersten der Welt.
Wir säen auf Hoffnung und wir ernten auf Hoffnung. Wir sind berufen, nach unseren Möglichkeiten den göttlichen Samen auszusäen und wir sind erwählt, von Gottes Ernte zu empfangen. Christus spricht von der Saat der Liebe, der Vergebung, der Gerechtigkeit und des Friedens. Es ist das Leben Jesu selbst. In dieser Saat liegt göttliches Leben und ein Geheimnis verborgen, das nur schwer zu erkennen und oft noch schwerer auszuhalten ist. Wie jedes Geheimnis bleibt es letztlich unserem Verstehen unzugänglich, nämlich, dass in allem gebrochenen Leben, gezeichnet von Krankheit, Schuld, erfahrener Sinnlosigkeit Gottes Segen dennoch wirkt. Das Neue Testament spricht davon, dass wir an Christi Leiden und Auferstehen Anteil haben. Es spricht vom Mit-Leiden und -Auferstehen als segensreiche Aussaat und Ernte; Grund Laetare zu feiern.

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen,
und ihr Halm ist grün.
(Text: Gotteslob, Nr. 845,3)

Jochen Schubert