Liturgischer Impuls am Donnerstag, 20. Mai 2021

Vielfalt

Zur Einstimmung: GL 484, 3 + 4: Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben
3. Wir, die wir alle essen von dem Mahle und die wir trinken aus der heilgen Schale,
sind Christi Leib, sind seines Leibes Glieder, Schwestern und Brüder.
4. Aus vielen Körnern ist ein Brot geworden: So führ auch uns, o Herr, aus allen Orten
zu einer Kirche durch dein Wort zusammen in Jesu Namen.

Einleitung: Wir beginnen unser Gebet im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Evangelium nach Johannes, Kapitel 17, 20-26:
Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. [..]

Deutung: Die Einheit der Christen wird im Evangelium als sehr wichtig herausgestellt, und das ist auch ganz nachvollziehbar: Wie sollen Menschen zum Glauben finden, wenn konkurrierende Kirchen das Wort und den Willen des Herren ganz unterschiedlich auslegen? Und so wird die Einheit in der Kirche heute wieder stark betont bzw. sogar schon eine neue Kirchenspaltung ausgemacht, wenn Christen an einem „falschen“ Abendmahl teilnehmen oder die „falschen“ Paare segnen. Dabei scheint es mir mit einem Blick auf die Geschichte  offensichtlich zu sein, dass auch zu starkes Beharren auf Verhaltensmustern zur Kirchenspaltung führen kann. Die katholische Kirche hat zumindest nach der Reformation viele der Forderungen umgesetzt, für die die Reformatoren angetreten waren – aber zu spät.

Die rechte Einheit ist also schwer zu definieren. Nicht umsonst hat Gott bei der Schöpfung eine so verschwenderische Vielfalt entstehen lassen. Vielleicht sollte uns Christen also besser auszeichnen, wie wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen und mit den Menschen, die sie äußern. Paulus ist ein Spezialist für abweichende Meinungen. Schließlich hat er Simon Petrus „ins Angesicht widerstanden“, als es um den richtigen Umgang mit den überlieferten Regeln und Gesetzen ging. Und trotzdem hat die Urkirche Wege gefunden, sich die unterschiedlichen Begabungen von Petrus und von Paulus gleichermaßen zu Nutze zu machen.

Auch im Lesungstext ist Paulus nicht auf den zu leichten Kompromiss aus:

Lesung aus der Apostelgeschichte Kapitel 22, 30 und 23, 6-11:
[..] Da Paulus aber wusste, dass der eine Teil zu den Sadduzäern, der andere zu den Pharisäern gehörte, rief er vor dem Hohen Rat aus: Brüder, ich bin Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht. Als er das sagte, brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern aus und die Versammlung spaltete sich. Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder Auferstehung noch Engel noch Geist, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu alldem. Es erhob sich ein lautes Geschrei und einige Schriftgelehrte aus dem Kreis der Pharisäer standen auf und verfochten ihre Ansicht. [..]

Deutung: Es gilt durchaus als wahrscheinlich, dass Paulus hier keinen rein taktischen Streit anzettelt, um sich in dem Trubel einen Vorteil zu verschaffen. Es ging ihm wohl auch um die Glaubensinhalte, die er hier offensiv vertrat. Und er hatte schon erlebt, dass man selbst nach schlimmen Verfehlungen in eine Gemeinschaft aufgenommen kann – die jungen christlichen Gemeinden hatten ihm die anfängliche unbarmherzige Verfolgung verziehen.

Vieleicht ist das die rechte Einheit, in der wir dem dreifaltigen Gott nacheifern sollen, der ja auch eins in drei Personen ist: dass wir bei allem Streit den anderen immer zubilligen, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben, und ihre Argumente prüfen, damit wir auch selbst noch etwas lernen können.

Zum Abschluss: GL 484, 5 + 6: Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben
5. In einem Glauben lass uns dich erkennen, in einer Liebe dich den Vater nennen,
eins lass uns sein wie Beeren einer Traube, dass die Welt glaube.
6. Gedenke, Herr, die Kirche zu erlösen, sie zu befreien aus der Macht des Bösen,
Als Zeugen deiner Liebe uns zu senden und zu vollenden.

(Christoph Nitsche)