Liturgischer Impuls am Sonnabend, 20. März 2021 – 4. Fastenwoche

Feinde

Beginnen wir unsere Gebetszeit im Namen dessen, der uns aus Liebe geschaffen, erlöst und mit der Kraft Seines Geistes ausgestattet hat: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Lied: GL 273

O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten,
und führe selbst die Hand, mit der wir nach Dir tasten.

Wir trauen Deiner Macht und sind doch oft in Sorgen.
Wir glauben Deinem Wort und fürchten doch das Morgen.

Wir kennen Dein Gebot, einander beizustehen,
und können oft nur uns und unsre Nöte sehen.

O Herr, nimm unsre Schuld, die Dinge, die uns binden,
und hilf, dass wir durch Dich den Weg zum andern finden.

(T u. M: Hans-Georg Lotz)

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 7,40-53)

In jener Zeit
40sagten einige aus dem Volk, als sie diese Worte hörten: Er ist wahrhaftig der Prophet.
41Andere sagten: Er ist der Messias. Wieder andere sagten: Kommt denn der Messias aus Galiläa?
42Sagt nicht die Schrift: Der Messias kommt aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Betlehem, wo David lebte?
43So entstand seinetwegen eine Spaltung in der Menge. 44Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; aber keiner wagte ihn anzufassen.

Jesus war und ist nicht irgendwer: An ihm „scheiden sich die Geister“. Es geht um die keineswegs triviale Frage, ob Jesus der Messias sei. Diese insbesondere für Juden existentielle Frage und die Weise, wie Jesus auftrat, führten zu einer Spaltung. Aber es entsteht wohl auch heute immer wieder eine Spaltung, weil jeder und jede eine andere Sicht auf Jesus hat, ihn individuell erlebt und versteht – oder ihn gar nicht versteht. Denn sosehr Jesus einer von uns ist, genauso sehr ist er auch anders, als ihn die Menschen damals und heute sich vorstellen. Die Bemerkung, dass „keiner wagte ihn anzufassen“, zeigt auch den Respekt, den die Führungskräfte doch noch vor Jesus – vielleicht auch vor der Zahl seiner Anhänger – hatten.

Diese Verse aus dem Johannesevangelium fragen mich an:
Wer ist Jesus für mich? Lasse ich noch zu, dass Jesus anders ist, als ich dachte? Bin ich offen dafür, ihn neu zu erleben, ihm anders/neu zu begegnen? Wie gehe ich mit Spaltungen – innerhalb der Kirche, der Pfarrei, der eigenen Familie… – um?

45Als die Gerichtsdiener zu den Hohenpriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht?
46Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen.
47Da entgegneten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch in die Irre führen lassen?
48Ist etwa einer vom Hohen Rat oder von den Pharisäern zum Glauben an ihn gekommen?
49Dieses Volk jedoch, das vom Gesetz nichts versteht, verflucht ist es.

„Noch nie hat ein Mensch so gesprochen“ – die Gerichtsdiener sind beeindruckt von den Worten Jesu. Und sie sind ehrlich – auch wenn die Pharisäer, für die außer dem Gesetz nichts zu gelten scheint, befürchten, sie hätten sich „in die Irre führen lassen“. Im Denken und Horizont der Pharisäer haben Jesu Worte und Taten keine Chance, einen Platz zu finden. Es ist für sie (auch für den „Pharisäer“ in mir!) undenkbar, dass Gott den Rahmen ihres Gesetzes sprengen könnte. Dass Jesus nicht in diesen Rahmen passt, ist für sie derart unmöglich, dass sie die Diener verdächtigen, sie hätten sich „von ihm beschwatzen lassen“ (Übersetzung von Albert Kammermayer).
Die Pharisäer gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie meinen, dass „das Volk“, das sich von Jesus ansprechen lässt und Seine Botschaft in sich aufnimmt, „verflucht“, also weit entfernt von Gott, sei.

Diese Sätze aus dem heutigen Evangelium fragen auch mich an:
Kann ich „die Geister unterscheiden“? Wann bin ich versucht, Menschen zu verurteilen, nur weil sie nicht in das Raster meines Denkens und Glaubens hineinpassen?

50Nikodemus aber, einer aus ihren eigenen Reihen, der früher einmal Jesus aufgesucht hatte, sagte zu ihnen: 51Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?
52Sie erwiderten ihm: Bist du vielleicht auch aus Galiläa? Lies doch nach: Der Prophet kommt nicht aus Galiläa.
53Dann gingen alle nach Hause.

Noch nicht einmal der sachliche Hinweis des Nikodemus, dass niemand einfach so verurteilt werden darf, kann die aufgebrachten Pharisäer und Schriftgelehrten auf den Boden der Tatsachen zurückholen – im Gegenteil: Sie reagieren völlig unsachlich, lassen nicht mit sich reden und lassen bereits durchblicken, dass sie Jesus längst abgeschrieben haben. Sie geben ihm keine Chance mehr.

Letztlich wird – vorerst – der Streit nicht beigelegt, sondern „alle gingen nach Hause“. Die Einigung ist aufgeschoben… Es könnte alles gut werden: eine Nacht darüber schlafen und sich dann nochmals zusammensetzen und in Ruhe miteinander reden, sich mit den Fragen und dem Unverständlichen auseinandersetzen, Faszination und Tradition gleichermaßen hinterfragen…

Auch heute bleiben die Fragen:
Wer ist Jesus wirklich? Wer ist Er für mich? Kann ich mich von Ihm auch überraschen lassen, Ihn anders sein und meine bisherigen Erfahrungen und Vorstellungen durchbrechen lassen?

wer bist du

schon immer erwartet
wie eine große liebe
und doch ganz anders

dein name ein fremdwort
das sich selber übersetzt
in unser fleisch und blut

du bist das gottgesättigte wort
und zugleich für unsre armen worte
gottes offenes ohr

von den großen klein gemacht
hast du doch
die kleinen groß gemacht

den habenichtsen dieser erde
bist du der künder
eines freien himmels

einheimisch im heiligen geheimnis
ziehst du alle zu dir hin
die sich selber in der fremde sind

angesichts deiner
leuchtet das göttliche antlitz
menschlich sichtbar

mein wahres ansehen
empfange ich
allein durch deinen blick

du schaust mich an
also
bin ich

(Andreas Knapp)

Beten wir zu dem Gott, der jeden Menschen liebevoll anschaut:

  • für alle, die nicht mehr ein noch aus wissen
  • für alle, die verfolgt werden und ihren Mitmenschen nicht willkommen sind
  • für alle, die unter den Kontaktbeschränkungen leiden
  • für alle, die sich für andere einsetzen
  • für alle, die Gott suchen

Gott, Du bist uns Vater und Mutter.
Du wohnst im Himmel und in jedem Deiner Geschöpfe.
Dein Name ist heilig – auch wenn wir ihn missachten.
Wirke Du mit Deiner Liebe in unserer Welt,
damit Dein Wille geschieht – auch durch uns
und hier und heute.
Gib allen Menschen das, was sie zum Leben brauchen,
und hilf uns, miteinander zu teilen.
Vergib uns, wo wir schuldig geworden sind,
und gib uns liebevolle Phantasie, großzügig anderen zu verzeihen.
Schenke uns Kraft, den vielfältigen Versuchungen zu widerstehen,
und erlöse uns von dem, was uns von Dir trennen will.
Denn Du bist die Liebe, voller Kraft und Licht – in Ewigkeit. Amen.

So segne und begleite uns und alle Menschen, die uns verbunden sind, der unbegreifliche, liebende Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Text: Elisabeth Meuser
Foto: Ursula Weßner