Martin und Benedikt

Dies ist der siebte Beitrag in einer Reihe von Artikeln zur Pilgerfahrt der Pfarrei „Auf den Spuren des Heiligen Martin“ .

Die anderen Artikel:

Informationen zu Reiseverlauf, Leistungen und Kosten: „Pilgerfahrt der Pfarrei nach Tours 10/21„. Das  Anmeldeformular finden Sie hier.
Kaum jemandes Geschichte ist im Laufe der Zeit so vollständig hinter seiner Tat verschwunden wie die des Patrons unserer Pfarrei (Roman Mensing): „Martin von Tours – Soldat, Eremit, Mönch, Heiler, Missionar, Bischof, Heiliger„.
Passion und Ostern mit den Augen des Matthias Grünewald – der Isenheimer Altar in Colmar: „Karfreitag und Ostern – Matthias Grünewald: Gegen die Schönheit und Verklärung der Kreuzigung„.
Die Erinnerung an Martin von Tours unterlag extremen Wandlungen und musste für ganz unterschiedliche Botschaften herhalten: „Erinnerungsort Heiliger Martin„.
Die Architektur wirkt wie ein Schrein, der die Erscheinung des Lichts im Inneren zum Zweck hat (Martin Matl): „Das Universum von Chartres„.
Sainte-Madelaine besitzt mehr als ein Pfingstportal, das gesamte Bauwerk ist eine Pfingstkirche (Thorsten Droste): „Be-Geisternd: Pfingsten in Stein gemeißelt„.

Auch wenn wir die Mindestteilnehmerzahl überschritten haben: wir möchten möglichst vielen die Teilnahme an der Pilgerfahrt ermöglichen. Deswegen haben wir die Anmeldefrist zur Pilgerfahrt „Auf den Spuren des Heiligen Martin“ bis zum 30.06.2021 verlängert. Das Anmeldeformular finden Sie hier.


 

Translation der Reliquien des Hl. Benedikt von Montecassino nach Fleury – Architrav des Nordportals der Abtei Fleury in Saint-Benoît-sur-Loire

In seinen Dialogi (Dialogen) läßt Gregor der Große Benedikt von Nursia (einer späteren Überlieferung nach im Jahr 529) auf den Monte Cassino kommen. Benedikt fand dort einen Apollotempel und einen heiligen Hain vor. „Sowie nun der Mann Gottes dorthin kam, zertrümmerte er das Götzenbild, stürzte den Altar um und brannte den heiligen Hain nieder. Dann errichtete er im Apollotempel ein dem heiligen Martin geweihtes Oratorium und an der Stelle des Altars ein dem Johannes geweihtes Oratorium.“ (Dialogi II, 8, 11).

Benedikt kannte die Vita Sancti Martini des Sulpicius Severus wahrscheinlich, denn er scheint an mehreren Stellen seiner Regula Benedicti (Regel des Benedikt) auf sie anzuspielen. Und in der Tat ist das älteste erhaltene Manuskript der Vita Sancti Martini um 517 in Italien (Verona) kopiert worden. In seiner Martinsvita wendet sich Sulpicius an alle conversi, die Diener Gottes, oder an diejenigen, die er Mönche nennt, also an die Christen, die mit dem Evangelium Ernst machen und ihr Leben ganz daran ausrichten wollen. Indem er das Beispiel eines Heiligen ganz in der Nähe anbot, wollte er zeigen, dass dieses Ideal in Gallien möglich war. Keine Notwendigkeit im fernen Ägypten nach heroischem Asketentum zu suchen! Martin war, ganz nah, das Modell aller christlichen Tugenden (virtus). Später finden wir den gleichen Plot bei Papst Gregor dem Großen, denn er schreibt seine Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum (Dialoge über das Leben und die Wunder der Heiligen Italiens) um gegenüber dem Diakon Petrus den Nachweis anzutreten, dass nicht nur der Orient, sondern auch Italien wundertätige asketische Heilige hervorgebracht hatte. Das zweite Buch ist ganz dem heiligen Benedikt von Nursia gewidmet, dem Gregor das Ideal des habitare secum zuschreibt. Wörtlich übersetzt heißt dieses habitare secum „bei oder in sich selbst wohnen“. Kriterien dafür sind insbesondere beständige Sammlung des Geistes und Überwachung der eigenen Gedanken und des eigenen Handelns.

Benedikt von Nursia, Fra Angelico, Wikimedia Commons

Auf Montecassino schreibt Benedikt um 540 seine Regel (bei ihrer Abfassung hatte er keine ordensartigen Strukturen vor Augen – sondern wollte, ebenso wie andere Regelautoren, die Verhältnisse in seinem eigenen Haus klären). Hier stirbt er 547. Um das Jahr 577 wird das Kloster von den Langobarden zerstört und erst 717 wieder neu besiedelt. Fast vierhundert Jahre später, im 9. Jahrhundert, wurde die Benediktsregel durch Ludwig den Frommen als einzige Klosterregel für alle Klöster des Frankenreichs als verbindlich erklärt und Benedikt somit zum Vater des abendländischen Mönchtums.

Der Bogen von unserer Martinsfahrt zu Benedikt schlägt sich über die Abtei Fleury in Saint-Benoît-sur -Loire, die wir am ersten Tag der Rückfahrt, auf dem Wge nach Vézelay, besuchen werden. Ihre Geschichte geht so: Abt Leudebold (Léodebold) möchte in seinem Stift Saint-Aignan in Orléans die Benediktsregel einführen, aber seine Mönche verweigern im die Gefolgschaft. Er beschließt, ein neues Kloster unter der Regula Benedicti zu gründen, und schickt im Jahr 651 Mönche zum Königsgut Floriacum, 2 Tagesreisen (60 km) von Orléans den Fluss hinauf an der Loire gelegen. Das Gut hatte König Chlodwig II. ihm für die Klostergründung überlassen. Die neue Abtei war eine der ersten Ordensgemeinschaften Galliens, die nach der Benediktsregel lebte. Aber die Geschichte geht weiter: Nach einer mysthischen Vision des hl. Benedikt beauftragt der zweite Abt des neuen Klosters, Mommolin, einen seiner Mönche, die Reliquien des hl. Benedikt (und die seiner Schwester Scholastica) aus der zerstörten Klosterkirche von Montecassino nach Fleury zu holen. Um 660, an einem 11. Juli (?), werden die Gebeine Benedikts in der Klosterkirche beigesetzt, die seitdem den Namen Saint-Benoît de Fleury trägt (die Gebeine Scholasticas kamen nach Le Mans). Der Gedenktag Benedikts jedenfalls ist der 11. Juli, in Gedenken an diese Translation nach Fleury! Es ist dies ist der Beginn eines Gedenkens, das viel zur Verbreitung der Benediktinerregel im abendländischen Mönchtum beitrug.

Nach Jahren des Niedergangs war Fleury im hohen Mittelalter schließlich berühmt durch seine Klosterschule, die der Heilige Odo gegründet hatte. Odo, Abt von Cluny, dem Fleury zur Leitung übertragen worden war, machte es zu einem der bedeutendsten Zentren der Kluniazenischen Bewegung. Wegen seiner bedeutenden Bibliothek und seines Skriptoriums ist Fleury zu Beginn des elften Jahrhunderts eines der kulturellen Zentren des Abendlandes. Nach einer wechselvollen Geschichte, die mit der Auflösung der Abtei 1790 während der Französischen Revolution ihren Tiefpunkt erreicht hatte, wurde die Abtei im Jahr 1944 wiedergegründet und zählt aktuell 27 Mönche.

Die Wallfahrtskirche Saint-Benoît ist heute eines der berühmtesten romanischen Denkmäler Frankreichs. Ihr imposanter Vorhallenturm, erbaut in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts unter Abt Gauzlin, ist eine Ikone der im Entstehen begriffenen romanischen Architektur. Das Erdgeschoß gleicht einem Wald an Säulen, jede bekrönt mit einem pflanzlichen oder figürlichen Kapitell.

Abtei Fleury, Torhallenturm Abt Gauzlins (vor 1030)
Abtei Fleury, Torhallenturm Abt Gauzlins, Säulen im Erdgeschoss
Abtei Fleury, Torhallenturm Abt Gauzlins, Erdgeschoss, Kapitelle (hinten die Heimsuchung)

Der 1062 begonnene Chor der Klosterkirche stellt eines der bemerkenswertesten Zeugnisse der französischen romanischen Baukunst dar. Er umfasst zwei gestaffelte Altarräume. Hinter dem der heiligen Jungfrau geweihten Hauptaltar des ersten Altarraumes erhebt sich die Mauer der Confessio, die die Kirche von der halb unterirdischen Krypta trennt. Der zweite, höher gelegene Altarraum ergänzt die architektonische Anordnung. Der dem hl. Benedikt geweihte Altar befindet sich genau über den Reliquien des Heiligen.

Das Chorgestühl, von zwei Künstlern aus Orléans, stammt aus dem Jahr 1413.

Abtei Fleury, Chor

Der monumentale Mittelpfeiler in der Krypta, der den Schrein des heiligen Bendikt umfängt, ist nahezu unverändert erhalten. Er macht die Gebeine des hl. Benedikt zum Zentrum des Bauwerks, zum Grundstein des Ensembles, das auf ihm ruht, in dem alles zusammenfließt.

Abtei Fleury, Schrein des hl. Benedikt

„Ich wage zu behaupten, dass ein Mönch, der mit der Regel und den Dialogen des heiligen Gregor vertraut ist, bei der Lektüre des Lebens von Martin und verwandter Texte den Eindruck hat, ein Modell des geistlichen Programms des heiligen Benedikt vor Augen zu haben, dem es nicht einmal an der von diesem so geliebten Schlichtheit fehlt (temperamentum, [richtige Mischung, rechtes Maß, Mäßigung, Zurückhaltung] sagt Sulpicius in seinem Porträt Martins, Vita 26,2). Es ist daher überhaupt nicht überraschend, dass der heilige Benedikt Martin als Patron des Hauptoratoriums der Gründung seiner reifen Jahre, Montecassino, wählte, das sich so sehr von dem ersten Versuch in Subiaco unterscheidet, und für das er die Regel schrieb. Wie ein Mönch in Ligugé vor etwa fünfzig Jahren bei Exerzitien sagte, ist es für einen Benediktiner nicht unangebracht, von ‚unserem Vater Sankt Martin‘ zu sprechen.“ (Bruder Lin, renaissance de fleury, Heft 179).

Christian Esser


Zum Weiterlesen:

– Wilfried Hansmann, Marianne Bongartz, DuMont Kunst-Reiseführer: Tal der Loire – Schlösser, Kirchen und Städte im Garten Frankreichs, ISBN  978-3770166145 (wer einen Reiseführer für Tours, Fontevraud, Candes, Saint-Benoît und das Loiretal sucht ist hier bestens aufgehoben)
Eliane Vergnolle,
Saint-Benoît-sur-Loire, L’abbatiale romane n° 1, (französisch), ISBN 978-2901837756