Martin von Tours – Soldat, Asket, Mönch, Heiler, Missionar, Bischof, Heiliger

Dies ist der zweite Beitrag in einer Reihe von Artikeln zur Pilgerfahrt der Pfarrei Auf den Spuren des Heiligen Martin .

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Mantelteilung, Martinskirche Dresden

Der Heilige Martin – der unbekannte bekannte Heilige!

Ich geh mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir.
Da oben leuchten die Sterne,
hier unten leuchten wir.
Mein Licht ist aus,
Wir geh’n nach Haus,
Rabimmel, rabammel rabumm.

Patron von Frankreich und Ungarn, des Eichsfelds, des Kantons Schwyz, des Burgenlandes, der Stadt Salzburg, der Stadt Düsseldorf; der Soldaten, Kavalleristen und Reiter, Polizisten, Huf- und Waffenschmiede, Weber, Gerber, Schneider, Gürtel-, Handschuh- und Hutmacher, Tuchhändler, Ausrufer, Hoteliers und Gastwirte, Kaufleute, Bettler, Bürstenbinder, Hirten, Böttcher, Winzer, Müller; der Reisenden und Pilger, Armen, Flüchtlinge, Gefangenen und der Abstinenzler; der Gänse; gegen Ausschlag, Schlangenbiss und Rotlauf; für Gedeihen der Feldfrüchte; der Bistümer Mainz, Rottenburg und Eisenstad … und: unserer Pfarrei.

Der heilige Martin ist keine Gestalt der Vergangenheit. In Europa und weit darüber hinaus ist er so gegenwärtig wie kaum ein anderer Heiliger. Eine ähnliche Popularität hat nur noch Franziskus. „Aber kaum jemandes Geschichte ist im Laufe der Zeit so vollständig hinter seiner Tat [der Mantelteilung] entschwunden wie die Martins“ schreibt Roman Mensing in seinem Buch „Martin von Tours“.

Die Bühne

Martin wird in die Welt der Spätantike des 4. Jahrhunderts hineingeboren. Nach der Reichskrise des 3. Jahrhunderts unter den Soldatenkaisern setzt im 4. Jahrhundert eine letzte Phase der relativen Stabilisierung des Römischen Reiches ein. Ein herausragendes Ereignis dieser Epoche ist der Siegeszug des Christentums und damit verbunden das langsame Verschwinden vorchristlicher Kulte und Traditionen. Im Jahr 311 hatte das Toleranzedikt des Kaisers Galerius das Ende der Christenverfolgung im Römischen Reich bedeutet (es mündet in den Satz „ut denuo sint Christiani“ , „so mögen sie denn Christen sein“). In dem Edikt wurde das Christentum zugleich zur religio licita (erlaubten Religion), d. h., Christen wurden zum ersten Mal in gewisser Weise gesetzlich anerkannt. Galerius‘ Nachfolger Konstantin ging noch weiter: Er gestand dem Christentum nicht nur juristische Privilegien zu, förderte den Kirchenbau und die Priesterschaft, sondern ließ auch seine Söhne christlich erziehen. Die Kaiser Gratian (367-383) und Theodosius I. (379-395) schließlich erklärten 380 in ihrem Dekret „Cunctos populos“ die katholisch-orthodoxe Kirche zur alleinigen Staatskirche: „Alle Völker, über die wir ein mildes und maßvolles Regiment führen, sollen sich, (…) zu der Religion bekehren, die der göttliche Apostel Petrus den Römern überliefert hat, (…). Das bedeutet, dass wir gemäß apostolischer Weisung und evangelischer Lehre eine Gottheit des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes in gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben. Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, (…) katholische Christen heißen dürfen. Die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen. Auch dürfen ihre Versammlungsstätten nicht als Kirchen bezeichnet werden. Endlich soll sie vorab die göttliche Vergeltung, dann aber auch unsere Strafgerechtigkeit ereilen, die uns durch himmlisches Urteil übertragen worden ist.

Das Christentum, das sich in der urbanen Kultur des römischen Kaiserreiches ausgebildet hatte, war bis dato eine städtische Religion. Das Land galt als rückschrittlich und resistent. Pagani (s. unser Fremdwort „pagan“ für „heidnisch“), das Schimpfwort gegen die Hinterwäldler auf dem Lande, übertrugen die Römer daher seit dem 4. Jahrhundert auch auf die Anhänger der alten heidnischen Kulte. Im östlichen Teil des Römischen Reiches waren die Christen zahlreicher als im Westen, in Kleinasien waren manche Städte bereits völlig christianisiert. Die Schätzungen für den Anteil der Christen an der Reichsbevölkerung zu Beginn des 4. Jahrhunderts schwanken stark, maximal 10 % dürften realistisch sein. Eremiten zogen in die Wüsten, es entstanden erste christliche Klostergemeinschaften, und wundertätige Heilige verzückten in wilder Askese vor den Siedlungen die Gläubigen. Das Toleranzedikt des Kaisers Galerius hatte den christlichen Glauben „hoffähig“ gemacht. Führungspositionen in der Kirche wurden zunehmend für die alte römische Elite attraktiv.

Als mit dem Ende der Verfolgungen der Zwang entfiel, einem übermächtigen Gegner gemeinsam die Stirn zu bieten, brachen unter den Christen erbitterte Grabenkämpfe auf, die in immer neuen Verästelungen die gesamte Spätantike prägen sollten.  Das gesamte 4. Jahrhundert hindurch wurde z. B. im sog. „arianischen“ Streit hitzig um verschiedene Trinitätslehren gerungen, um die Frage, ob der in Jesus Christus inkarnierte Logos göttlich, gottähnlich oder anders als Gott, nämlich geschöpflich sei.

„Ein Sohn von Eltern eines nicht geringen Standes“

Darum glaube ich ein lohnendes Werk in Angriff zu nehmen, wenn ich das Leben des gar heiligen Mannes beschreibe, das andern bald zum Vorbild dienen soll. Die Leser sollen dadurch zu weiser Lebensführung, zu himmlischem Kriegsdienst und göttlichem Tugendstreben kräftig angespornt werden“ (Vita 1,6) – so beginnt Sulpicius Severus um 395 seine „Vita sancti Martini episcopi et confessoris“ , sein „Leben des Heiligen Martin, des Bischofs und Bekenners“. Sulpicius’ Vita sancti Martini ist keine Biographie im modernen Sinn. Neben historischen Fakten übermittelt sie viele legendenhafte Ereignisse und leitet damit den Beginn einer typisch christlichen Literaturgattung ein: der Hagiographie.  Sulpicius Severus (um 363-420/25), gelernter Advokat aus begüterter, konsularischer Familie in Toulouse/Tolosa, ist Zeitgenosse Martins. Nach dem Tod seiner Frau zog er sich aufs Land zurück und wurde schriftstellerisch tätig. Er besuchte Martin mehrfach im Kloster Marmoutier und schreibt noch zu dessen Lebenszeit dessen Biographie. 394 verkaufte er einen Teil seines Besitzes und lebte asketisch, bestärkt durch Martin und seinen Freund Paulinus von Nola, ohne es diesen völlig gleich zu tun. Aus seiner Feder sind zusätzlich drei Briefe (epistulae) und drei Dialoge (dialogi) überliefert, die von Martin berichten. „Da mir vieles über seinen Glauben und seinen Tugendwandel zu Ohren gekommen war, brannte ich vor Verlangen nach ihm. Deshalb unternahm ich eine mir höchst willkommene Pilgerfahrt zu ihm. Mich beseelte damals auch der glühende Wunsch, sein Leben zu beschreiben. So forschte ich einerseits ihn selbst aus, soweit er sich ausforschen ließ, andererseits zog ich von jenen Erkundigungen ein, die bei ihm waren und ihn kannten. Er nahm mich damals mit erstaunlicher Demut und Güte auf. (…) Er zollte mir soviel Aufmerksamkeit, dass er mich Armseligen, kaum wage ich es zu bekennen, zu seinem heiligen Mahle lud; er reichte mir dabei selbst das Wasser für die Hände und wusch mir abends eigenhändig die Füße.“ (Vita 25, 1-3).

Martinus stammte aus Sabaria [dem heutigen Szombathely im äußersten Westen Ungarns] , einer Stadt in Pannonien. Er wuchs in Italien zu Ticinum [Pavia] auf. Seine Eltern waren nach ihrer Stellung in der Welt von nicht geringem Rang, aber Heiden. Sein Vater war zuerst gewöhnlicher Soldat, dann Militärtribun [Kommandeur einer Legion]. Martinus selbst ergriff in seiner Jugend das Waffenhandwerk und diente in der Gardereiterei unter Kaiser Constantius, dann unter Kaiser Julian.“ (Vita 2, 1).

Martins Geburtsjahr ist umstritten. Folgt man Sulpicius Severus wäre es das Jahr 336. Gregor von Tours (540-594), späterer Nachfolger Martins auf dem Bischofsstuhl von Tours, berichtet in seinen Zehn Büchern Geschichten Martin sei 316/317 geboren. In der Fachwelt spricht man von der „kurzen“ und der „langen Chronologie“. Ihre jeweiligen Verfechter zeichnen recht unterschiedliche Bilder des jungen Martin. Endgültige Sicherheit gibt es nicht, wenngleich die Mehrzahl der Fachleute heute die lange Chronologie unterstützt.

Martin der Elitesoldat

Der Name, den die Eltern ihrem Sohn gaben – Martinus – bedeutet „dem [Kriegsgott] Mars geweiht“. Da Konstantin ein Gesetz erlassen hatte, das Soldatensöhne zum Dienst in der Armee verpflichtete, war die Laufbahn des kleinen Martin vorgezeichnet. Wie für Söhne der Oberschicht üblich hatte Martin Elementarschule, Grammatikunterricht und Studium der Rhetorik durchlaufen, bevor er mit ungefähr 20 Jahren in die Armee eintrat. Im Laufe seines Militärdienstes stieg Martin in die Palastgarde des Kaisers, die palatini, eine berittene Eliteeinheit, auf. Zwischen 351 und 357 begleitete er als scholar (Gardesoldat beim Kaiser) die Kaiser Constantius und Julian auf ihren Feldzügen an Rhein und Donau.

Fuldaer Sakramentar, Udine, Archivio Capitolare, 1.

Einmal, er besaß schon nichts mehr als seine Waffen und ein einziges Soldatengewand, da begegnete ihm im Winter, der ungewöhnlich rau war, so dass viele der eisigen Kälte erlagen, am Stadttor von Amiens ein notdürftig bekleideter Armer. Der flehte die Vorübergehenden um Erbarmen an. Aber alle gingen an dem Unglücklichen vorbei. Da erkannte der Mann voll des Geistes Gottes, dass jener für ihn vorbehalten sei, weil die andern kein Erbarmen übten. Doch was tun? Er trug nichts als den Soldatenmantel (…). Er zog also das Schwert, mit dem er umgürtet war, schnitt den Mantel mitten durch und gab die eine Hälfte dem Armen, die andere legte er sich selbst wieder um. Da fingen manche der Umstehenden an zu lachen, weil er im halben Mantel ihnen verunstaltet vorkam. Viele aber, die mehr Einsicht besaßen, seufzten tief, dass sie es ihm nicht gleichgetan und den Armen nicht bekleidet hatten, zumal sie bei ihrem Reichtum keine Blöße befürchten mussten. In der folgenden Nacht nun erschien Christus mit jenem Mantelstück, womit der Heilige den Armen bekleidet hatte, dem Martinus im Schlafe. Er wurde aufgefordert, den Herrn genau zu betrachten und das Gewand, das er verschenkt hatte, wieder zu erkennen. Dann hörte er Jesus laut zu der Engelschar, die ihn umgab, sagen: ‚Martinus, obwohl erst Katechumene, hat mich mit diesem Mantel bekleidet‘.“ (Vita 3, 1-3). Roman Mensing: „Als Gardeoffizier war Martin beritten. Die ältesten Darstellungen der Mantelteilung jedoch zeigen ihn zu Fuß. Die frühe Buchmalerei hat offenbar noch die Durchbrechung der hierarchischen Distanz empfunden, die die tiefste Dimension der Martinstat ausmacht, ein Wissen, das in späteren Darstellungen verloren scheint.“

El Greco, Der Heilige Martin und der Bettler, Wikimedia Commons

Wann, wo und wie Martin mit dem Christentum in Berührung kam, ist nicht sicher überliefert. Bereits als Jugendlicher in Pavia? Beim Militär? Wieder Roman Mensing: „Die Zahl der Christen im Heer muss zu Beginn des 4. Jhs. beträchtlich gewesen sei, da ohne einen solchen Rückhalt Konstantin den Austausch der Standarten gegen das Christuszeichen nicht hätte durchsetzen können. (…) Andererseits zeigte sich immer wieder starke Zurückhaltung gegenüber dem Waffentragen durch Christen. (…) So verbot Papst Damasus (366-384), dass ehemalige Soldaten die Bischofsweihe empfingen.“ Seine Taufe hat er jedenfalls während seiner Militärzeit empfangen. In der kurzen Chronologie nach Sulpicius Severus verabschiedet sich Martin dann zwanzigjährig mit einem Paukenschlag von der Armee: „Unterdessen waren Barbaren in Gallien eingebrochen. Kaiser Julian zog bei der Stadt der Vangionen [Worms] ein Heer zusammen und begann damit, Geldgeschenke unter die Soldaten zu verteilen. Dabei wurde nach der Gewohnheit jeder Soldat einzeln vorgerufen. So kam die Reihe auch an Martinus. Jetzt hielt dieser den Zeitpunkt für günstig, seine Entlassung zu erbitten. (…) Deshalb sprach er zum Kaiser: ‚Bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene. Dein Geschenk mag in Empfang nehmen, wer in die Schlacht ziehen will. Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen‘.“ (Vita 4, 1-3). In der langen Chronologie scheidet Martin zwischen 356 und 360 regulär nach 20 Jahren Dienstzeit aus der Armee aus.

Laie und Mönch: Schüler von Hilarius von Poitiers

Ich übergehe daher seine Taten als Soldat und will auch das nicht berühren, was er als Laie und Mönch getan hat.“ sagt Martins Schüler Gallus am Ende des ersten Dialogs des Sulpicius. Es muss also nach der Militärzeit eine Zeit als Laie im Leben Martins gegeben haben. In den Jahren 356 bis 360 reist Martin nach Pannonien, um seine Eltern zum Christentum zu bekehren und gelangt schließlich über den slowenisch-kroatischen Raum nach Norditalien. In dieser Zeit kommt es an verschiedenen Orten immer wieder zu Konflikten zwischen ihm und dem lokalen, „arianisch“ orientierten Episkopat. Zuletzt wird er aus Mailand, wo er sich in der Nähe eine Mönchszelle eingerichtet hatte, vertrieben und zieht sich als Einsiedler auf die Insel Gallinaria vor der Küste Genuas zurück (die Kenntnis vom Einsiedlertum der ägyptischen Wüstenväter war 339 mit Athanasios und dessen „Vita Antonii“ , „Das Leben des Heiligen Antonius“ , nach Italien gelangt und verbreitete sich ab 340 von dort rasch).

360/361 sucht Martin Hilarius von Poitiers auf, der sein Lehrer wird. Hilarius (um 315 – 367) ist seit 350 der erste Bischof seiner Heimatstadt Poitiers. „Persönliche Autorität, theologische Bildung und Selbständigkeit gegenüber dogmatischen Sprachregelungsversuchen des Kaisers machten ihn rasch über Gallien hinaus bekannt. (…) Im arianischen Streit entschieden auf Seiten der [trinitarischen] Anhänger des Konzils von Nizäa stehend, wurde Hilarius 356 (…) nach (…) Kleinasien verbannt, konnte aber bereits 360 zurückkehren. In einem scharfen Brief an [Kaiser] Constantius prangerte er den seit der Konstantinischen Wende ständig wachsenden staatlichen Einfluss auf die Kirche an und forderte ihre Freiheit. (…) Seine unpolemische, sachlich und sprachlich klare Schrift über die Dreifaltigkeit trug wesentlich zum Ausgleich im Streit um die Gottheit Christi bei.“ (Roman Mensing).

Woher Hilarius und Martin sich kennen wissen wir nicht. „Hilarius versuchte, ihn durch die Diakonatsweihe enger an sich zu ziehen und dauernd für den kirchlichen Dienst zu gewinnen. (…) Deshalb legte er ihm nahe, sich zum Exorzist weihen zu lassen. Diese Weihe wies Martinus nicht zurück (…).“ (Vita 5, 2). „Der erfahrene Seelsorger Hilarius hatte die Berufung und das Charisma des Veteranen erkannt. (…) Der Exorzist Martin gehörte wie der Lektor, der Pförtner und der Subdiakon zum niederen Klerus.“ so die Althistorikerin Judith Rosen in ihrem Buch „Martin von Tours“. Wirklich hingezogen fühlt sich Martin jedoch zum Mönchtum. Hilarius überlässt ihm eine verlassene römische Villa in Logoticiacum, dem heutigen Ligugé ca. 10 km südlich von Poitiers, um dort eine Einsiedelei einzurichten. Bald schon schlossen sich ihm Gleichgesinnte an, die mit ihm in seinem monasterium ein klösterliches Leben als Brüder führen wollten. Mit den Klöstern Ligugé und später Marmoutiers war der Grundstein für das westliche Mönchtum gelegt, so dass Martin mit gewissem Recht „Vater des abendländischen Mönchtums“ genannt werden kann.

„In dieser Zeit entdeckte Martin verstärkt seine missionarische Berufung, und er begann gezielt in der Umgebung das Evangelium zu verkünden. (…) Jesus hatte seinen Aposteln aufgetragen, hinauszugehen, Kranke zu heilen, Tote aufzuwecken, Aussätzige rein zu machen und Dämonen zu vertreiben. Allen diesen Aufträgen wird Martin in seinem Leben nachkommen. Sie waren gleichsam seine Arbeitsbeschreibung. “ (Judith Rosen). Für seine 10 Jahre in Ligugé berichtet Sulpicius zwei Totenerweckungen. Darüber hinaus weiß er nicht viel aus dieser Zeit zu berichten. Martin hatte seinem Schüler Gallus allerdings persönlich gesagt, seine Wunderkräfte seien als Bischof geringer gewesen als die während seiner Zeit als Mönch. Daraus folgerte Sulpicius wie viele Wunder Martin in dieser Zeit unbezeugt gewirkt haben muss.

Der meditierende Martin, Simone Martini, Assisi, San Francesco, Wikimedia Commons, verfremdet CE

Bischof wider Willen

Ungefähr zur selben Zeit wurde er auf den bischöflichen Stuhl von Tours verlangt. Allein es war kein Leichtes, ihn seinem Kloster zu entreißen. Rusticius, einer der Bürger, warf sich ihm daher bittend zu Füßen; er gab vor, seine Frau sei krank. So vermochte er ihn zum Fortgehen zu bewegen. (…) Eine unglaublich große Menge hatte sich aus dieser Stadt wie auch aus den benachbarten Ortschaften zur Bischofswahl eingefunden. Ein Verlangen, ein Wunsch, eine Überzeugung beseelte sie alle, Martinus verdiene am meisten die bischöfliche Würde; (…).  Doch einige Laien und besonders mehrere Bischöfe, die zur Einsetzung des Oberhirten herbeigerufen waren, widersetzten sich gewissenlos. Sie sagten, Martinus sei eine verächtliche Persönlichkeit, der bischöflichen Würde sei nicht wert ein Mann von so unansehnlichem Äußern, mit so armseligen Kleidern und ungepflegtem Haar. Indes das Volk bekundete gesünderen Sinn und lachte über ihre Torheit; denn während jene einen Tadel gegen den ruhmwürdigen Mann aussprechen wollten, verkündeten sie ja doch nur sein Lob. Sie konnten nichts anderes bewirken, als was das Volk nach dem Willen Gottes im Sinne hatte.“ (Vita 9, 1-4). Martins Ruf war also weit über Ligugé hinaus verbreitet, denn Tours liegt immerhin 90 km von dort entfernt. Beim Volk und der Mehrheit der Notabeln und des Klerus der Stadt muss er so viel Ansehen genossen haben, dass man ihn als Nachfolger des verstorbenen Bischofs Litorius ernsthaft in Betracht zog. „Aber auch die Einwände der anderen Partei lassen Rückschlüsse zu. Man hatte offensichtlich (…) recht konkrete Vorstellungen von der Gestalt eines Bischofs. (…) das Kandidatenprofil war klar: Es musste nicht nur ein frommer Mann sein, er musste eine gute Figur machen, sollte auch repräsentieren können, von einigem gesellschaftlichen Rang sein. (…) Aus beinahe jeder Zeile des Textes ist die Polemik des Severus herauszuhören, der mit dieser Erzählung von der Bischofswahl Martins die aggressive Verteidigung seines Helden gegen dessen Widersacher im Bischofsrang beginnt, eine Gegnerschaft, die über Martins Tod hinaus anhielt.“ (Roman Mensing). „Sulpicius eröffnete daher den neuen Lebensabschnitt seines Protagonisten mit einigen charakteristischen Merkmalen, die zwischen den Zeilen den Gegensatz zu Martins gallischen Mitbischöfen hervorheben. Er begnügte sich weiterhin mit schlichter Kleidung, die Sulpicius an späterer Stelle genauer beschrieb: ‚ein zottiges Gewand und ein schwarzer wehender Umhang‘. Wichtiger als diese Äußerlichkeiten war die geistige Askese, die sich in der Beherrschung der Affekte und in einem ausgeglichenen Charakter, der constantia, zeigte sowie in der demütigen Selbstverleugnung, der humilitas, die sich selbst über den geringsten Mitmenschen nicht erhob.“ (Judith Rosen).

Schweren Herzens übernimmt Martin sein neues Amt. Dem Willen des Volkes will er sich nicht widersetzen und wird am 4. Juli 370 zum Bischof von Tours geweiht. Martin lässt sich in Dienst nehmen, aber er empfindet das bischöfliche Amt als Minderung seines Charismas.  Und er ändert seine Art zu leben nicht: er bezieht eine Zelle neben der Kirche seines Vorgängers Litorius. Wie aber im Getriebe der Stadt mönchische Ideale und Anforderungen des Bischofsamtes vereinen? Bald zieht sich Martin vor den Lärm der Stadt 3 km flussaufwärts an das rechte Ufer der Loire zurück, wo er eine Zelle aus Holz errichtet. „Dieser Ort war so verborgen und abgelegen, dass es den Heiligen nicht nach der Einsamkeit der Wüste verlangte. Auf der einen Seite war der Ort abgeschlossen von einer hohen, jähen Felswand; die freibleibende Ebene umgrenzte die Loire mit einer kleinen Krümmung; nur auf einem, dazu noch recht engem Wege konnte man dorthin gelangen.“ (Vita 10, 4) Die Einsamkeit hielt nicht lange an. Im Laufe der Zeit wuchs das maius monasterium, das größere Kloster (vielleicht bezogen auf Ligugé), das heutige Marmoutier, auf etwa 80 Brüder an. Und dennoch: Bis zu seinem Tod beugt sich Martin 26 Jahre lang demütig seiner bischöflichen Pflicht: „Martinus dagegen lebte mitten im Weltgedränge und im Umgange mit den Menschen, unter zwiespältigen Klerikern und fanatischen Bischöfen. Fast jeder Tag brachte unangenehme Dinge, bald von da, bald von dort; aber allen Schwierigkeiten zum Trotz stand er mit unerschütterlichem Mute fest hin und hat so Großes geleistet wie keiner von jenen, die, wie wir gehört haben, in der Wüste lebten oder noch leben.“ (Dialogus 1, 24).

Heiler und wundertätiger Missionar

„Der Zusammenhang zwischen ärztlichem und missionarischem Wirken geht bis auf die Anfänge des Christentums zurück. Die Apostel, denen Jesus die Macht gegeben hatte, Dämonen auszutreiben und Kranke zu heilen, ‚zogen in den Dörfern umher, verkündeten das Evangelium und heilten die Kranken‘. Die Fürsorge für den kranken und leidenden Mitmenschen war ein Gebot der Nächstenliebe, der caritas. Im Grunde ist Mission eine erweiterte Form der caritas. (…) Der heilige Bischof von Tours verkörpert die Symbiose von caritas und Mission, eine anziehende Mischung, die unzählige Menschen zum Christentum bekehrt hat.“ (Judith Rosen). „Aus irgendeiner Veranlassung waren wir auf dem Wege nach Chartres. Wir kamen an einem stark bevölkerten Dorfe vorbei. Da zog uns eine große Schar entgegen, die nur aus Heiden bestand; (…) auf die Kunde von der Ankunft eines so berühmten Mannes strömte eine große Volksmenge zusammen (…). Martinus überkam die Ahnung eines kommenden Wunders und er erbebte, da der Geist ihm dieses kundtat. Nun predigte er den Heiden das Wort Gottes mit überirdischer Salbung. (…) Während uns diese unglaublich große Menge umgab, streckte ein Weib den Leichnam ihres Sohnes, der kurz vorher gestorben war, dem heiligen Mann entgegen mit den Worten: ‚Wir wissen, dass du ein Freund Gottes bist. Gib mir meinen Sohn wieder, er ist ja mein einziger‘. Die Menge schloss sich an und unterstützte die Bitten der Mutter. Martinus erkannte, dass er um des Seelenheiles der harrenden Menge willen, wie er uns nachher gestand, Wunderkraft erlangen könne. Er nahm den Leichnam in seine Arme. Dann kniete er angesichts aller nieder. Nachdem er gebetet hatte, erhob er sich und gab das Kind lebend der Mutter wieder. Das Freudengeschrei der Menge schallte bis zum Himmel und sie bekannte, dass Christus Gott ist. Schließlich warfen sich alle scharenweise dem Heiligen zu Füßen mit dem glaubensvollen Verlangen, er solle aus ihnen Christen machen. Er legte ihnen allen ohne Zögern, so wie sie mitten auf freiem Felde waren, die Hände auf und machte sie zu Katechumenen.“ (Dialogus 2, 4).

Durch die Wundermacht und das Beispiel des Heiligen erstarkte das Christentum so sehr, dass sich jetzt dort kein Gau findet, der nicht mit vielbesuchten Kirchen oder stark bevölkerten Klöstern ganz besät wäre. Martinus hatte nämlich die Gewohnheit, überall dort, wo er Heidentempel zerstörte, sofort Kirchen oder Klöster zu bauen.“ (Vita 13, 9). Eine Einschränkung allerdings macht Sulpicius: „Doch in den meisten Fällen, wenn die bäuerliche Bevölkerung protestierte, er möge ihre Heiligtümer nicht zerstören, besänftigte er die heidnischen Gemüter mit einer frommen Predigt so sehr, dass sie, nachdem ihr das Licht der Wahrheit gezeigt worden war, ihre Tempel selbst niederlegte.“ (Vita 15, 4). „Über den Erfolg seiner Predigten entschied auch Martins persönliche Glaubwürdigkeit. Die Zuhörer spürten, wie sehr der Prediger von seiner Sache überzeugt war. Allerdings handelte Martin „nicht immer ’sanft in der Art und Weise‘, wie ein römisches Sprichwort empfiehlt. Zweifellos war er ‚hart in der Sache‘, was Glaubensgrundsätze betraf. Barmherzigkeit übte er in den Belangen der caritas und gegen Sünder (…). Der Bischof von Tours fiel nicht in die Versuchung, Barmherzigkeit mit Beliebigkeit zu verwechseln. Er kannte die Schwäche der Gläubigen, vor allem in Krisen auf altbewährte Rituale zurückzugreifen. Wenn er die Heiligtümer des Vielgötterglaubens zerstörte, lockten die paganen Traditionen nicht mehr so augenfällig.“ (Judith Rosen). Seine Missionserfolge haben ihm auch den Beinamen „Apostels GaIliens“ eingetragen.

Begegnungen mit der Welt des Bösen

Dem Teufel und seinen Helfern, den Dämonen, deren Macht Krankheiten auslöste, begegnen wir in Martins Leben auf Schritt und Tritt. Trotz aller Anfechtungen wusste sich Martin in Christus frei, und ihm war das Charisma geschenkt, diese Freiheit an seine bedrängten Mitmenschen weiterzugeben und sie von den Dämonen ihrer Ängste zu befreien.

Ich darf nicht übergehen, auf welch schlaue Weise der Teufel damals Martinus versuchte. Eines Tages stand er vor ihm in der Zelle, während er betete. Purpurlicht strahlte er vor sich her und war auch selbst ganz davon umflossen; mit diesem erborgten Lichtglanze hoffte er umso leichter täuschen zu können. Ein Königsmantel umwallte ihn, er trug ein edelsteinfunkelndes, goldenes Diadem auf dem Haupte, seine Schuhe waren golddurchwirkt; gewinnend war seine Miene, freundlich sein Antlitz, so dass man eher alles andere als den Teufel in ihm vermuten musste. Auf den ersten Anblick hin war Martinus höchlichst überrascht; beide schwiegen geraume Zeit. Dann begann der Teufel zuerst: „Erkenne, wen du vor dir erblickst. Ich bin Christus. Da ich im Begriff bin, auf die Erde herniederzusteigen, wollte ich mich dir zuerst offenbaren‘. Martinus schwieg und antwortete mit keiner Silbe darauf. Da hatte der Teufel die Frechheit, sein frevelhaftes Bekenntnis zu wiederholen: ‚Martinus, warum zweifelst du. Glaube doch, da deine Augen es ja schauen? Ich bin Christus‘. Jetzt ward es Martinus durch eine Geistesoffenbarung kund, der Teufel stehe vor ihm, nicht Gott. Daher sprach er: ‚Jesus, unser Herr, hat nicht gesagt, dass er im Purpur und im Glanze einer Krone wiederkommen werde. Ich kann nicht glauben, dass Christus anders gekommen wäre als in jener Haltung und äußeren Gestalt, so wie er gelitten, als mit den Wundmalen des Kreuzes‘. Bei diesen Worten verschwand der Teufel plötzlich wie Rauch und erfüllte die Zelle mit üblem Geruch.“ (Vita 24, 4-8).

„Diese Form der Teufelserfahrung fand einen Ansatzpunkt in dem dramatischen, von Enderwartungen geprägten Weltbild vieler in der Spätantike. Severus hebt zudem Martins Kämpfe mit dem Teufel hervor, um ihn dem Einsiedler Antonius in dessen Dämonenkämpfen gleichzustellen. Wie dieser nahm Martin stets die bedrohliche Gegenwart des Bösen in seinem Leben und in der Welt wahr. (…) Die Dimension obiger Versuchung reicht tiefer, als das Bild auf den ersten Blick erkennen lässt. (…) Diese Versuchung steht zentral in Martins Leben und dem Glauben der Nachverfolgungszeit: die Versuchung, den Protest aufzugeben und sich der Haltung vieler in der Kirche anzuschließen. Martins Antwort ist Ausdruck des monastischen Protestes gegen den in der Kirche seit der Konstantinischen Wende um sich greifenden Triumphalismus. (…) Wegen dieses Problemes stritt er sich mit seinen Mitbischöfen, die sich in ihren Kirchen Throne aufstellen ließen.“ (Roman Mensing).

Das Kloster des Heiligen lag zwei Meilen von der Stadt. So oft Martinus den Fuß über die Schwelle seiner Zelle setzte, um zur Kirche zu gehen, bot sich ein merkwürdiges Schauspiel: in der ganzen Kirche stöhnten die Besessenen und zitterten wie Menschen, die den Richter kommen sehen und ihre Verurteilung befürchten müssen. Das Ächzen der Dämonen zeigte so den Klerikern das Eintreffen des Bischofs an, auch wenn sie von seiner Ankunft nichts wussten. Ich sah, wie beim Nahen des Martinus einer in die Luft gehoben wurde und mit ausgebreiteten Armen in der Höhe schwebte, so dass er den Boden mit seinen Füßen gar nicht berührte.“ (Dialogus 3, 6).

Atemberaubende Freiheit: Martin und die „Großen“ der Zeit

Wer dem Teufel von Angesicht zu Angesicht widerstehen kann, der knickt auch vor weltlichen Autoritäten nicht ein. In einer Zeit, in der sich die Kirche in einem christlich gewordenen Reich etabliert und behaglich eingerichtet hatte und die Bischöfe sich vor allem politisch betätigten, ist Martins Verhältnis zur Staatsgewalt geprägt von zwei Maximen: strikte Trennung von Kirche und Staat und absolute innere Freiheit im Angesicht stattlicher und kirchlicher Autoritäten.

Im Rahmen seiner bischöflichen Tätigkeit traf Martin mit den Großen seiner Zeit zusammen, unter anderem mit den Kaisern Valentinian I. und Maximus. Letzterer bewunderte die Unbeugsamkeit Martins, dieser erwiderte diese Bewunderung allerdings nicht: „Er schlug auch die oft wiederholte Einladung zur Tafel ab mit der Begründung, er könne sich nicht mit dem zu Tische setzen, der zwei Kaiser beraubt habe, den einen des Thrones, den anderen des Lebens.“ (Vita 20, 2). Schließlich gab Martin doch nach, und der kulturpessimistische Sulpicius überliefert folgende bemerkenswerte Geschichte: „Freilich beim heutigen Zeitgeist, da alles bodenlos verkommen ist, muss es beinahe als etwas Außerordentliches erscheinen, wenn ein Bischof so viel Charakter hat, dass er sich nicht zum Hofschranzentum erniedrigt. Viele Bischöfe waren aus verschiedenen Teilen der Welt zu Kaiser Maximus gekommen. (…) Da sah man, wie alle jene Bischöfe in schnöder Kriecherei den Fürsten umschmeichelten und in ihrer Charakterlosigkeit sich so viel vergaben, dass sie ihre bischöfliche Würde geringer anschlugen als die Gunst des Kaisers. (…) Martinus (ließ sich) schließlich doch noch bestimmen, bei der Tafel zu erscheinen. (…) Martinus selbst saß neben dem Kaiser. Die Tafel war ungefähr halb vorüber, da reichte der Diener der Sitte gemäß dem Kaiser die Trinkschale. Dieser befahl, man solle die Schale lieber dem heiligen Bischof reichen; denn er brannte vor Verlangen, sie aus der Hand des Martinus zu empfangen. Indes Martinus trank und gab dann die Schale seinem Priester [der ihn begleitete]. Er war nämlich der Ansicht, kein anderer sei würdiger, nach ihm zuerst zu trinken; er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinen, wenn er den Kaiser oder jemand aus dessen nächsten Umgebung dem Priester vorzöge.“ (Vita 20, 3-6).

Martin war damals im Zuge des sog. Priscillianistenstreits am Hof des Maximus in Trier um sich für Priscillian einzusetzen. Die Priscillianisten (nach Priscillian, um 340 geboren), eine radikale spanische Asketensekte, kritisierten die „Verweltlichung“ der Kirche, und stellten ihre hierarchische Struktur in Frage. Von ihren Gegnern der Häresie verdächtigt kämpften beide Seiten mit allen Mitteln um ihren Standpunkt, bis die Sache schließlich beim Kaiser landete. Von den Bischöfen Hydatius und Ithacius der Magie angeklagt, verurteilte Maximus Priscillian und sechs seiner Anhänger/innen zum Tod, um sich als rechtgläubiger Kaiser zu erweisen und seine eigene, als Usurpator gewonnene Stellung abzusichern. Nach Martins (am Ende erfolglosen) Protest haben mächtige Männer der Kirche wie der Mailänder Metropolit Ambrosius Einspruch gegen dieses Urteil erhoben, auch wenn sie keineswegs die Lehre Priscillians akzeptierten. Allein die Tatsache, dass hier ein weltlicher Herrscher ein Todesurteil bei innerkirchlichen Streitigkeiten gefällt hatte, wurde grundsätzlich abgelehnt. Die Erfahrung und die Umstände des Scheiterns haben ihn tief getroffen, und künftig nahm er an keiner Bischofssynode mehr teil. (Bemerkung am Rande: „Es gibt begründete Vermutungen, dass das in karolingischer Zeit angeblich wiederentdeckte Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Wahrheit das Grab Priszillians ist.“ – Roman Mensing).

Der Tod des Heiligen Martin, Simone Martini, Assisi, San Francesco, Wikimedia Commons

„Mich nimmt der Schoß Abrahams auf“

Inzwischen machte es ihm ein Vorkommnis zur Pflicht, die Pfarrei Condate [Candes] zu besuchen. Unter den Klerikern jener Kirche war nämlich ein Zwiespalt ausgebrochen. Martinus war von dem Wunsche beseelt, den Frieden wiederherzustellen, und so ließ er sich nicht abhalten, zu einem solchen Zweck abzureisen, obwohl ihm das nahe Ende seiner Tage bekannt war. Wenn er der Kirche den Frieden wiederschenke und hinterlasse, so könne er darin die Krönung seiner Tugendverdienste sehen. (…) Martinus verblieb einige Zeit an jenem Orte, bei jener Kirche, zu der er sich begeben hatte, und stellte den Frieden unter den Klerikern wieder her. Schon dachte er daran, zum Kloster zurückzukehren, als ihn ganz unerwartet die Körperkräfte verließen. Er rief die Brüder herbei und erklärte ihnen, er fühle sein Ende nahe. (…) Obwohl er schon mehrere Tage an heftigem Fieber litt, ließ er doch nicht ab vom Gotteslob. Betend durchwachte er die Nächte; er zwang die ermattenden Glieder, dem Geiste zu dienen. Er war (…) auf Asche und einem Bußgewande, gebettet. (…) (Er sah) den Teufel neben sich stehen. ‚Was stehst du hier, blutdürstige Bestie‘, sprach er da, ‚Unheilstifter, du wirst an mir nichts finden. Mich nimmt der Schoß Abrahams auf‘. Bei diesen Worten gab er seinen Geist auf. Die dabei waren, haben mir bezeugt, sie hätten sein Antlitz leuchten sehen wie das eines Engels. Seine Glieder erschienen weiß wie Schnee, so dass es hieß: wer könnte glauben, dass er je ein Bußgewand getragen und auf Asche gebettet war? Es war eben, als ob an ihm die Herrlichkeit der künftigen Auferstehung und die Beschaffenheit des verklärten Leibes wahrzunehmen wäre.“ (Epistula 3).

Die Überführung Martins die Loire hinauf nach Tours wurde zu einem Triumphzug. Die Todesnachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Entlang seines letzten Weges strömten die Menschen zusammen, um ihm das letzte Geleit zu geben: „Wie groß war die allgemeine Trauer und wie klagten erst die betrübten Mönche! Es sollen gegen zweitausend an jenem Tag zusammengekommen sein (…). Die Herde ging vor ihrem Hirten einher, die bleichen Gestalten jener gottgeweihten Schar, im faltigen Mönchsgewande, Greise, im Lebenskampf erprobt, oder Anfänger, auf die Fahne Christi erst vereidigt. Es folgte die Schar der Jungfrauen, in züchtiger Scheu kämpften sie ihre Tränen nieder. (…) So heilig das Frohlocken war über seine Glorie, so innig war auch die Trauer über seinen Hingang.“ (Epistula 3).

Martin wird nicht, wie man vielleicht erwartet hätte, in der Kirche seines beliebten Vorgängers Litorius beerdigt, sondern auf einem öffentlichen Friedhof westlich der Stadt. Dies legt die Vermutung nahe, dass es unter den Klerikern der Diözese Tours zum Streit über Martins Grablegung gekommen war. Er scheint in den Augen des Klerus von Tours für einen besonderen Begräbnisort nicht würdig gewesen zu sein. „Der Vorwurf der Ketzerei, den Kritiker im Streit um Priscillian gegen Martin erhoben hatten, war nicht vergessen, und mit seiner Entscheidung, künftig auf Treffen mit seinen bischöflichen Brüdern zu verzichten, hatte sich der Bischof von Tours keine zusätzlichen Freunde gemacht. (…) Kurzum: Mancher Kleriker und vielleicht auch mancher Laie, mit dem Martin in Glaubensfragen oder in seinem Missionseifer aneinandergeraten war, wird erleichtert zugesehen haben, wie sich der Sargdeckel über dem zeitlebens ebenso charismatischen wie unbequemen Bischof schloss. Vielleicht schwante ihm angesichts der tiefen Trauer der Mehrheit: Das letzte Wort war nicht gesprochen. Ahnungen trügen bisweilen nicht. Es folgten noch viele Worte. Das ‚zweite Leben‘ des Martin von Tours hatte gerade erst begonnen.“ (Judith Rosen).

Nachbemerkungen

„Das unwichtige Caesarodunum [Tours] an der Peripherie der römischen Welt wandelte sich zwischen dem 4. und 6. Jh. zur Martinopolis des fränkischen Reiches.“ (Georg Scheibelrieder): Das Grab, über dem sich im 5. Jahrhundert zunächst eine Kapelle, dann eine prächtige Basilika erhob, wurde das von Pilgern bis ins späte Mittelalter angenommene fränkische Nationalheiligtum, und die – nach Rom – meistbesuchte Wallfahrtsstätte. Und es kam, wie es kommen musste: Der Frankenkönig Chlodwig I. (481 – 511), der 486 Roms Herrschaft in Gallien beendet hatte und bis 507 das erste fränkischen Großreich gründete, erhob Martin zum Nationalheiligen und Schutzherrn der fränkischen Könige. Das Reliquiar des angeblich erhaltenen Martinsmantels (die capa, 682 erstmals bezeugt) führen fortan die fränkischen – und später die französischen Könige als geheiligtes Siegeszeichen in ihren Schlachten mit. Der Mönchsbischof sollte als himmlischer Fürsprecher nun das unterstützen, was er zeitlebens entschieden abgelehnt hatte. Die politische und militärische Instrumentalisierung des Heiligen von Tours, im krassem Gegensatz zu seiner Biographie, hatte begonnen. Martin avancierte zum „Soldatenheiligen“ und bleibt es bis heute.

Beschließen möchte ich meinen (langen) Artikel mit einem Gedicht Lothar Zenettis – „Mut“, das ich in einer Predigt über den Heiligen Martin gefunden habe:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
wenn alle mittun, steht allein

Wo alle loben, habt Bedenken
wo alle spotten, spottet nicht
wo alle geizen, wagt zu schenken
wo alles dunkel ist, macht Licht.

(Lothar Zenetti)

Christian Esser


Zum Weiterlesen

Der Artikel kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Zwei lesenswerte Bücher, die sich hervorragend ergänzen (das Buch Roman Mensings ist nur noch antiquarisch zu bekommen):
– Roman Mensing, Martin von Tours, Patmos Verlag, ISBN 978-3491703803
– Judith Rosen, Martin von Tours – Der barmherzige Heilige, Verlag Philipp von Zabern in Wissenschaftliche Buchgesellschaft, ISBN 978-3805350242

Außerdem sehr interessant, besonders der Aufsatz „Das Kirchenverständnis Bischof Martins von Tours und die Verfolgung der Priscillianer“:
Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte, Band 18, 1999, Jan Thorbecke Verlag Stuttgart, ISBN 978-3-7995-6368-0

Die Werke des Sulpicius Severus in deutscher Übersetzung (pdf):
Leben des heiligen Bekennerbischofs Martinus von Tours
Drei Dialoge; über den heiligen Martinus
Drei Briefe; über den heiligen Martinus

Und natürlich beliebig viel – z. T. widersprüchliches, z. T. falsches – im Internet. Meine besten Links sind:
Wikipedia deutsch
Wikipedia französisch
Ökumenisches Heiligenlexikon
Monumente – Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
– Deutschlandfunk: Martin von Tours: Soldat, Eremit und Heiliger, Teil 1 und Teil 2
– Deutschlandfunk: Patron der Reisenden – Auf den Spuren des Martin von Tours (der Artikel resp. die Rundfunksendung spielt in Candes, Sterbeort Martins und Station unserer Pilgerfahrt)
– Deutschlandfunk: „Sankt Martin hätte sich dagegen gewehrt, instrumentalisiert zu werden“, Interview mit Judith Rosen