Für alle, die sich noch fragen, was es mit dem Bistumsjubiläum auf sich hat. Hier das allumfassend aufklärende Interview:

„Ritt durch die Bistumsgeschichte“

FRAGE: Was feiert ihr denn hier? Sommeranfang oder Coronaende?
ANTWORT: Mir feiern 100jähriges Bistumsjubiläum.
FRAGE: Die Jubiläen sind ooch ni mehr das, was se ma warn. Zu DDR-Zeiten hammer 1000jähriges Bistumsjubiläum gefeiert. Jetzt feiern mer 100jähriges, da wern mer wohl bald ’s 10jährige feiern.
ANTWORT: Quatsch, mir feiern doch ni ’s Bestehen, mir feiern die Wiederrichtung.
FRAGE: Wiedererrichtung? Hat’s da ma zwischendurch gar kee Bistum gegäm? Was hamm dn da de Leute gemacht?
ANTWORT: Gar nischt weiter, die warn off eemal evangelisch.
FRAGE: Ach soo, das hängt mit dr Reformation zusamm.
ANTWORT: Bist ä Blitzmerker. 1581 hat dr letzte Bischof abgedankt, und da war Schluss.
FRAGE: Und ’s Volk hammse wieder mal gar ni gefragt? Ob die jetzt evangelisch sein wolln?
ANTWORT: Nee, die hattn ooch damals nischt zu melden. Das war so beschlossen: wer regiert, däm seine Religion mussten de Untertanen annehmen. Oder se konnten ooch auswandern.
FRAGE: Und da gab’s in Sachsen gar keene Katholiken mehr?
ANTWORT: Nu ja, ä paar gab’s noch, ä paar Altgläubige, wie das damals hieß. Vor allem in Bautzen und in den Dörfern der beiden Lausitzen.
FRAGE: Der beiden Lausitzen? ‚’s gibt doch bloß die Lausitz?
ANTWORT: Nee, ’s gibt Ober- und Niederlausitz, das musste auseinander kennen.
FRAGE: Und wieso durften die katholisch bleim? Warn die besonders fromm oder besonders bockig?
ANTWORT: Nee, das lag am Traditionsrezess von 1653.
FRAGE: Am was?
ANTWORT: Am Tra-di-tions-re-zess.
FRAGE: ??????????????
ANTWORT: Also pass ofFrage: 1635, das war also noch mitten im 30jährigen Krieg, da gab’s en Friedensschluss zwischen dem Kaiser und dem sächsischen Kurfürsten. Das war noch Johann Georg I. Der war ganz konservativ, also was später altgläubig hieß. Und da wurde vereinbart, dass die beiden Lausitzen – die hatten damals noch dem Kaiser gehört – als Pfand an den sächsischen Kurfürsten gehen. Das lag daran, weil der Kaiser ni bezahlen konnte, was er sollte. Und in dem Vertrag gab’s ne Klausel, dass die konfessionellen Verhältnisse in den Lausitzen auf dem Stand von 1618 bleiben sollten.
FRAGE: Aber mir warn doch jetzt erscht bei 1581.
ANTWORT: Da haste Recht, aber da gehörten die Lausitzen noch zu Böhmen, also den Habsburgern bis 1635.
FRAGE: Also die Lausitz blieb katholisch, das übrige Sachsen wurde evangelisch.
ANTWORT: Nee, so ooch wieder ni. Das Bautzner Domkapitel blieb katholisch, die sorbischen Dörfer blieben katholisch, aber zwischen drin gab’s ooch ne ganze Reihe evangelische Dörfer. Die Klöster blieben, aber z. B. Neuzelle war ganz umgeben von Evangelen.
Also wenn die Pfarrer und die Leute evangelisch werden wollten, die Ortsobrigkeiten nischt dagegen hatten, dann wurden die das. Bloß der sächsische Landesherr durfte keen Druck machen. Und als sich das dann alles so zurechtgeschüttelt hatte, da gab’s z. T. kuriose Sachen. Der Domdekan, Johann Leisentrit, war ooch der weltliche Herrscher. Der musste jetzt in evangelischen Ehescheidungsprozessen tätig wärn.
FRAGE: Wieso war der ooch für Weltliches zuständig?
ANTWORT: Der Bischof hatte ihn, ehe er abdankte, zum bischöflichen Generalkommissar für die Lausitzen bestimmt. Damit hatte er dieselben Rechte wie ä Bischof. Und e Bischof war früher gleichzeitig weltlicher Herrscher. Ni so wie heute bloß fürs Geistliche. Und, ganz wichtich: Leisentrit konnte diese Rechte ooch übertragen. Das bedeutet, dass das Bistum rudimentär doch weiter bestanden hat.
FRAGE: Und das ganze Kuddelmuddel blieb dann so bis 1921?
ANTWORT: Nee, das blieb so bis 1697.
FRAGE: Intressant!!! Und was war 1697?
ANTWORT: 1697 kam der Katholizismus wieder nach Sachsen. Also genau genommen in die Sächsischen Erblande, in der Lausitz war er ja ni weggewesen.
FRAGE: Und warum gerade 1697?
ANTWORT: 1697 wurde August der Starke katholisch.
FRAGE: Hat er sich besonnen gehabt?
ANTWORT: Er hat sich besonnen, dass er König von Polen werden will. Das konnte jeder wärn, wenn er das adlige Parlament in Polen, den Sejm ordentlich geschmiert hat, aber katholisch musste man sein, dass war Bedingung.
FRAGE: Na das war doch gut, da mussten jetzt de Untertanen wieder katholisch werden?
ANTWORT: Nee, die durften weiter evangelisch bleim.
FRAGE: Wieso? Ich denke „Cuius regio…“
ANTWORT: Damit war’s seit ’n Westfälischen Frieden vorbei. Da ham se beschlossen, dass der territoriale Konfessionsstand so bleiben soll, wie er im Normaljahr war, und das Normaljahr hattense festgelegt, das war 1624.
FRAGE: Wieder mal dumm geloofen für uns.
ANTWORT: Na kannst dir denken, dass die evangelischen Untertanen uffgebracht warn über diesen Konfessionswechsel des Fürsten. Und da hat er ihnen noch ausdrücklich versichern müssen, dass se evangelisch bleiben dürfen im Religionsversicherungsdekret.
FRAGE: Na ja. Aber du hast gesagt, dass der Katholizismus wieder Einzug hielt in Sachsen. Da haste wohl ganz schön übertrieben, wenn das Katholischsein sich auf August den Starken beschränkte.
ANTWORT: Das war ja ni bloß er, ä paar eifrige Höflinge ham sicher ooch mit gewechselt, es wurde wieder Messe gefeiert, wenn auch vorerst nur für den Hof, eine Lateinschule wurde gegründet, die Kapellknaben. Und es kamen katholische Ausländer nach Sachsen: Bildende Künstler, Handwerker, Musiker, auch Kaufleute. Und spätestens mit der Heirat des Kurprinzen mit Maria Josepha, der Kaisertochter!, wurde klar, dass der Katholizismus in Sachsen keine Episode bleiben würde.
FRAGE: Aber das war doch alles sehr auf den Hof beschränkt. Wieso sind diese Anfänge ni mit dem Hof dann untergegangen?
ANTWORT: Das is ähmd der Vorteil enner Weltkirche. Rom sitzt immer mit im Boot, wenn sowas losgeht. Zuerst wurde in Dresden eine Missionspräfektur eingerichtet, aus der wurde 1743 das Apostolische Vikariat.
FRAGE: Warum hat mer ni die Bautzner genomm, da gab’s doch schon ne kirchliche Leitungsbehörde.
ANTWORT: Das wär vielleicht konsequent gewesen, hat mer aber ni gemacht. Hatten mer in Sachsen ähmd zwei Apostolische Vikariate. Später wurden die dann in Personalunion von einem Titularbischof geleitet.
FRAGE: Und wer hatte nu die vernünftge Idee, das Ganze zusammen zu tun und ein ordentliches Bistum draus zu machen?
ANTWORT: Die Idee kam immer mal auf, aber ’s is nischt draus geworden. Und ’s lief ja ooch einigermaßen, jedenfalls so lange, bis es immer mehr Katholiken wurden, für die man doch änne Seelsorge organisieren musste.
FRAGE: Wieso wurden es immer mehr Katholiken? Gab’s so viele Glaubensübertritte?
ANTWORT: Daran hat’s ni gelegen, das waren vor allem Zuzüge aus katholischen Ländern wie Ostpreußen, Böhmen, Polen.
FRAGE: Und was wollten die alle in Sachsen? Warn das Saisonarbeiter?
ANTWORT: Nischt Saison, die wollten hier richtig arbeiten. Mir sind jetzt im 19. Jahrhundert angekommen mit unserm Ieberblick, die Industrialisierung hat Sachsen fest im Griff. Überall entstehen neue Fabriken, Großbaustellen. Sachsen war zu der Zeit ä Einwanderungsland.
FRAGE: Na ja, und die passten natürlich ni alle in die Hofkirche nein.
ANTWORT: Se passten ni rein, ’s war ooch für viele viel zu weit und die eingesessenen Dresdner Katholiken, äben die meisten vom Hof, die wollten das ooch ni. Die ham sich beschwert, dass die Kirche hinterher immer so nach Knoblauch stinkt.
FRAGE: Na ja, da mussten äbn Kirchen gebaut wärn.
ANTWORT: Und das war sehr schwierig! Erschtens warn de Leute arm. Gut, der Bonifatiusverein hat geholfen. Dann mussten Kirchenbauten genehmigt wärn vom Kultusministerium. Dort saßen evangelische Minister, die hamm natürlich gebremst, wo se konnten. De Praxis war so, dass de Pfarrer rumreisten und Gottesdienst hielten in Friedhofskapellen, Schulräumen, Tanzsälen. Es war ähmd ne richtche Diaspora.
FRAGE: Aber ä paar Kichen wurden doch gebaut.
ANTWORT: Nu kloar. Aber so richtch ging das erst los nach’m Ende des 1. Weltkriegs. Da wurden alle gesetzlichen Beschränkungen für die katholische Kirche in Sachsen aufgehoben.
FRAGE: Und da konnt mer nu endlich unser Bistum wieder gründen.
ANTWORT: Das war gar ni so eefach.
FRAGE: Na ja, ich wüsste ooch ni, wie man das macht.
ANTWORT: Da fragt man am besten den Nuntius. Der kennt sich aus mit sowas.
FRAGE: Wer war d’n das damals, nach n ersten Weltkrieg.
ANTWORT: Das war Eugenio Pacelli.
FRAGE: Ach der dann Pius XII. wurde?
ANTWORT: Genau der.
FRAGE: Und der macht das dann?
ANTWORT: Na ja, du musst erstmal ordentlich begründen weshalb und warum und klar machen, dass es richtig ernst ist. Dann musste ein formvollendetes Schreiben aufsetzen, und das schickt der Nuntius dann nach Rom.
FRAGE: Und das ham die dann och gemacht.
ANTWORT: Nu ja, da zeigte sich’s ähmd. Das Bautzner Kapitel mit seinem Chef, Jakub Skala, die hatten schon so ä Schreiben gemacht und eingereicht. Das war aber wohl im Sande verlaufen. Und dann kam die andere Seite mit Bischof Löbmann und Pater Watzl mit dem gleichen Anliegen. Und da kam die Sache dann so allmählich ins Rollen.
FRAGE: Wer war denn Pater Watzl. Was hatte denn der damit zu tun?
ANTWORT: Eigentlich gar nischt. Das war ein Redemptoristenpater aus Philippsdorf. War hochintelligent und wohl auch ehrgeizig. Der hat jedenfalls das Bistumsprojekt eifrig betrieben, hat die rechtlichen Voraussetzungen geprüft, dazu in Bautzen im Archiv geforscht. Die Kapitulare dachten, er forscht zum 700jährigen Jubiläum des Domkapitels. Er hatte wohl sich Chancen ausgerechnet, selber Bischof zu werden. Aber da hat er sich selbst ins Knie geschossen, indem er die Forderung aufgestellt hat, dass der neue Bischof ein Reichsdeutscher sein muss. Und das war er, Watzl, ja nicht, er kam ja aus Philippsdorf. Außerdem muss er ein fürchterlicher Sorbenhasser gewesen sein, was ihn eigentlich schon von vornherein disqualifiziert hat.
FRAGE: Und wer isses dann geworden?
ANTWORT: Löbmann nicht, der war im Dezember 1920 gestorben, Watzl nicht, Skala nicht, weil auch kein Reichsdeutscher. Also musste einer von außen geholt werden. Und das war der langjährige Regens des Priesterseminars in Fulda, Dr. Christian Schreiber.
FRAGE: Und dann wurde das Bistum errichtet mit einer großen Feier.
ANTWORT: Ganz großer Bahnhof in Bautzen mit Nuntius, vielen Klerikern, vielen sorbischen Gläubigen in Tracht. Unter Glockengeläut wurde die päpstliche Bulle verlesen. Das Original war nich rechtzeitig eingetroffen wegen eines Eisenbahnerstreiks, aber das machte nischt, der Text war ja da.
FRAGE: Und warum fand das alles in dem Jahr 1921 statt?
ANTWORT: Als Termin hatte man das 700jährige Jubiläum des Bautzener Domkapitels gewählt, und zwar den 24. Juni 1921, d. h. der große Akt fand am darauffolgenden Sonntag statt, dem 26. Juni.
FRAGE: Und damit war nun alles gut.
ANTWORT: Ä nee, nun ging’s erscht los. Jetzt mussten die neuen Strukturen geschaffen werden, die Verwaltungsorgane eingerichtet. Dazu wurde eine Synode einberufen. Und dazu brauchte der neue Bischof natürlich jemanden, der sich auskannte mit den Verhältnissen vor Ort. Und da hat er trotz Abratens den Pater Watzl gewählt. Und das hat schließlich das Verhältnis des Bischofs zu den Sorben nachhaltig belastet.
FRAGE: Und wie hart das geendet?
ANTWORT: Pater Watzl wurde schließlich von seinem Ordensoberen abberufen, er kam nach Mähren. Bischof Schreiber ging 1929 als Bischof——————nach Berlin!
FRAGE: Aber ’s Bistum war nun glücklich wieder da.
ANTWORT: Aber etwas hat noch gefehlt.
FRAGE: Was is’n nu noch?
ANTWORT: Der Bischofssitz war immer noch Bautzen, das Bistum hieß Meißen. Das musste doch noch stimmig gemacht werden. Und das gelang dann erst unter Bischof Schaffran mit der Verlegung des Bischofssitzes nach Dresden und der Umbenennung des Bistums in Dresden-Meißen.
FRAGE: Und wann war das?
ANTWORT: Das war 1979.
FRAGE: Na prima, da hätten wir ja ’s nächste Jubiläum! 50 Jahre Bischofssitz in Dresden 2029!

Ilse Boddin