Tagesliturgie 4. Dezember – Barbara

Zweig mit dicken Knospen

Zur Eröffnung: GL 221 Kündet allen in der Not

„Kündet allen in der Not; fasset Mut und habt Vertrauen.
Bald wird kommen unser Gott; herrlich werdet ihr ihn schauen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.

Aus Gestein und Wüstensand werden frische Wasser fließen;
Quellen tränken dürres Land, überreich die Saaten sprießen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.

Blinde schaun zum Licht empor, Stumme werden Hymnen singen,
Tauben öffnet sich das Ohr, wie ein Hirsch die Lahmen springen.
Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.“

Beginnen wir unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Von Jesaja (Jes 29, 17-24) hören wir heute, wie es einmal sein wird:

„Nur noch kurze Zeit, dann verwandelt sich der Libanon in einen Garten, und der Garten wird zu einem Wald. An jenem Tag hören alle, die taub sind, sogar Worte, die nur geschrieben sind, und die Augen der Blinden sehen selbst im Dunkeln und Finstern. Die Erniedrigten freuen sich wieder über den Herrn, und die Armen jubeln über den Heiligen Israels. Denn der Unterdrücker ist nicht mehr da, der Schurke ist erledigt …“.

Das klingt wundervoll, nahezu unglaublich. Es macht uns vielleicht auch etwas klarer, was Jesus meint, wenn er sagt, sein Himmelreich sei nicht von dieser Welt. Denn nach den Regeln dieser Welt kann es nicht passieren, dass ein Tauber ein Wort hört, das nicht einmal ausgesprochen wird, sondern nur geschrieben steht.

Es fällt uns nicht immer leicht, an diese besondere Macht Gottes zu glauben, die scheinbar so ganz außerhalb unserer alltäglichen, rationalen Erfahrung steht. Um so erleichternder ist es daher, dass diese Verheißung nicht nur den Gerechten oder Treuen Gottes gilt. Nein, es ist umgekehrt: „Wenn das Volk sieht, was meine Hände in seiner Mitte vollbringen, wird es meinen Namen heilig halten.“ Gott geht, wie so oft, in Vorleistung, er handelt zuerst. Durch das Erleben dieser neuen Welt werden wir seinen Namen heilig halten. Wir dürfen die Wunder schauen und dabei erleben, wie sich daran unser Glaube aufrichtet und festigt. Welch eine Verheißung!

Doch zu allen Zeiten hat es auch Menschen gegeben, die das Unglaubliche geglaubt haben, bevor sie es ganz sehen konnten. Sie haben schon im Alltag die Zeichen dafür erkannt, dass Gottes Kräfte wirken, wo sie nicht jeder vermutet. Heute geben uns die Bergleute ein solches Vorbild: Ihr Schutzheiliger ist kein Recke, der in der Not die dunklen Stollen vielleicht noch etwas hochdrücken kann, damit Menschen sich retten. Ihre Schutzpatronin Barbara ist eine machtlose Frau, die vorgemacht hat, wie unerwartet Leben erwachsen kann: Die scheinbar toten Zweige, die sich auf der Flucht vor ihrem wütenden Vater in ihrem Kleid verfingen, fingen in ihrem Gefängnis an zu blühen.

Ein Wunder ganz nach dem Geschmack der Bergleute, die einen großen Teil ihres Leben unter dicken Felsschichten verbrachten und einen blühenden Zweig zu schätzen wussten. Wenn Sie heute einen Zweig in Ihr warmes Wohnzimmer holen, können Sie das vielleicht auch erleben.

Garten und Wald enstehen, wo vorher dürre Steppe war, so beschreibt es Jesaja, und noch größere Wunder geschehen. Und weil es vielen von uns oft schwer fällt, auf diese Wunder zu vertrauen, dürfen wir froh sein über Menschen, die bereit für diese Wunder und die Ankunft des Herrn sind. Wie die Benediktinerin Silja Walter, die – stellvertretend für uns alle – in ihrer Klosterzelle den Herrn erwartet. Advent als Lebenseinstellung – einfach wundervoll!

Vielleicht schließen wir uns – nur für heute – ihrem Gebet an?

 

Jemand muss zuhause sein,
Herr,
wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten,
unten am Fluss
vor der Stadt.

Jemand muss nach dir Ausschau
halten,
Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?

Herr,
Jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter
seines Hauses,
durch die Gitter –

durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt.

Jemand muss wachen,
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr,
du kommst ja doch in der Nacht,
wie ein Dieb.

Wachen ist unser Dienst.
Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht
zuhause.
Denkt sie daran,
dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist
uns sicher kommst?

Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen,
wo du immer kommst.

Herr, durch meine Zellentüre
kommst du in die Welt
und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?

Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben
sind wir da, draußen,
am Rand der Stadt.

Herr,
und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen
zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun
mit allen andern
und für sie.

Und jemand muss singen,
Herr,
wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust,
die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist
und wunderbar,
wie keiner.

Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern
unten am Fluss
wartet die Stadt
auf dich.

Amen.

Silja Walter: Gebet des Klosters am Rand der Stadt

(Christoph Nitsche)