Tagesliturgie Montag, 14. Dezember

Bibeln

Tagesliturgie Montag, 14. Dezember

Zur Eröffnung: GL 222, Strophe 2:
O Weisheit aus des Höchsten Mund,
die du umspannst des Weltalls Rund
und alles lenkst mit Kraft und Rat:
komm, weise uns der Klugheit Pfad.
Freu dich, freu dich, o Israel,
bald kommt zu dir Immanuel.

Wenn wir in der Kirche oder online die Laudes beten, gehört dazu immer ein Hymnus. Das sind manchmal alte Texte, die mitunter auch etwas altbacken klingen, aber manchmal sind auch poetische Fassungen dabei, die mich begeistern. Besonders hat es mir diese Strophe angetan:

Die Weisheit baute sich ein Haus,
darin spricht Gott sich selber aus,
und dieses Wort hat uns getroffen.

Doch bevor wir uns diesen drei inhaltsschweren Zeilen zuwenden, wollen wir auf Paulus hören, der just heute (am Ehrentag des heiligen Johannes vom Kreuz) einiges über die Weisheit zu sagen hat:

Lesung: 1 Kor 2, 1-10a
Auch ich kam nicht zu euch, Brüder und Schwestern, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. […] Und doch verkünden wir Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. Vielmehr verkünden wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, […].

Der Sitz der Weisheit wird hier klar bei Gott gesehen. Zwar haben die Menschen auch Weisheit, aber wie alle menschlichen Eingeschaften ist sie nur ein schwacher Abglanz der göttlichen Wesenszüge. Dabei ist die Weisheit keiner der vielen Gottesnamen, sondern war zur Zeit des Volkes Israel eine hochgeschätzte Eigenschaft, die in vielen Kulturen gepriesen wurde. So ähnelt das biblische Lob der Weisheit auch Schriften anderer Völker und wird dadurch zu einem universell verstandenen Konzept.
Als besonderer Ausdruck göttlicher Weisheit wird die Erschaffung der Welt angesehen. Wir kennen aus dem Schöpfungsbericht den mehrfach geäußerten Satz: Gott sah, dass es gut war! Oder wie in der ersten Zeile der oben genannten Hymnus-Strophe:
Die Weisheit baute sich ein Haus,
Aus Gottes Weisheit ist diese Welt und das Universum geschaffen, und um so mehr wir davon entdecken und verstehen, um so mehr bleiben wir staunend zurück über all das, was wir weiterhin nur erahnen können.
darin spricht Gott sich selber aus,
Hier sehe ich zwei Deutungsebene: Zum einen kann man Gott in der Schöpfung erkennen. Er bleibt zwar immer der „ganz andere“, trotzdem sind wir nach seinem Bilde geschaffen und die Welt nach seinem Willen, also kann auch über Gottes Wesen einiges gesagt werden. Gott spricht sich selber aus, er verstellt sich nicht.
Beim Evangelisten Johannes heißt es: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Die beiden Wörter „Wort“ und „sprechen“ gehören ganz offensichtlich zusammen: Wenn das Wort bei Gott war, dann muss es auch gesprochen werden, sonst wäre es nur ein Gedanke.
Und weiter heißt es bei Johannes: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“. Also ist das Wort, das bei Gott war und Gott war und ausgesprochen wurde, auch Jesus, der zu uns gekommen ist als wahrer Mensch und wahrer Gott.
Das ist die zweite Deutungsebene: In Jesus hat sich Gott ausgesprochen! „Darin“ – in unserer Welt – kommt das Wort Gottes, das wiederum selbst Gott ist, ausgesprochen zu uns.
und dieses Wort hat uns getroffen.
Das hoffen wir. Dass Gott auf unserer Erde in Jesus Christus erschienen ist, ist kein „vorübergehendes“ Ereignis, sondern etwas, das uns trifft und betrifft, betroffen macht.

So viel Theologie in drei kleinen Zeilen. Ich kann Ihnen nicht einmal garantieren, dass das eine offensichtliche oder offizielle Lesart ist. Es ist das, was ich denke, nachdem ich diese Zeilen viele Male gebetet habe.
Lesen wir zum Abschluss noch einmal den kompletten Hymnus:

Wort Gottes, dessen Macht und Ruf
im Urbeginn die Welt erschuf.
Du bist der Anfang und das Ende.

Der Himmel und die ganze Welt
sind deiner Hoheit unterstellt.
Du bist der Zeiten Lot und Wende.

Die Weisheit baute sich ein Haus,
darin spricht Gott sich selber aus,
und dieses Wort hat uns getroffen.

Nun ist die Welt nicht mehr so leer,
nicht mehr die Last so drückend schwer:
Der Weg zum Vater steht uns offen.

Es segne uns + an diesem Tag in seiner Weisheit der Herr, der nicht fern von uns thront, sondern sich in seinem Sohn direkt an uns ausgesprochen hat!
Amen.

(Christoph Nitsche)