Tagesliturgie – Sonnabend, 26. Dezember

(Bildtitel: Das gesteinigte Wort Gottes)

Wir beginnen unsere Betrachtung: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

(Das erste Lied steht nicht im Gotteslob. Es ist heute auch eher zur Kontrastierung als zu Illustration des Betrachtungstextes gedacht.)

Joseph, lieber Joseph mein,
hilf mir wiegen mein Kindelein,
Gott, der wird dein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

In diesen Tagen sind auch die sozialen Medien voll verschiedenster Bilder des Stalles von Betlehem. Eines davon hat meine besondere Aufmerksamkeit erregt: Auf den ersten Blick könnte man es für ein klassisches Ölgemälde halten, doch schnell sieht man: Hier ist die Geburt noch in vollem Gange. Zwar zeigt sich schon das Köpfchen des Jesuskindes, aber Maria ist noch ganz im kraftvollen Kampf mit Geburtswehen, Hormonen und Schmerzen. Sie wird von Josef unterstützt und ist von den bekannten Tieren umgeben.

Auch wenn das Bild keineswegs voyeuristisch oder aufdringlich ist, kann es doch verstörend wirken. Aber ich ermutige Sie, es sich unter diesem Link (hier klicken) anzusehen.

Gerne, liebe Maria mein,
helf ich dir wiegen das Kindelein.
Gott, der wird mein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Ist es angemessen, so ein Bild zu zeigen? Eher nicht, war mein erster Gedanke, und ich hatte auch eine Begründung dafür im Kopf: Wenn ich von Freunden oder aus der Firma Geburtsanzeigen geschickt bekomme, haben die jungen Eltern immer ein anderes Motiv gewählt: friedlich, entspannt und frisch gewaschen liegen Kind und Mutter oder Eltern einander im Arm. Das sieht klassischen Krippenbildern doch viel ähnlicher als dieses Bild. Und wenn die Eltern das so richtig finden, warum sollten wir für Maria und Josef andere Bilder wählen?

Freu dich nun, o Christenschar,
der himmlische König klar
nahm die Menschheit offenbar,
den uns gebar die reine Magd Maria.
Eia! Eia!

Aber dann hatte ich noch einen anderen Gedanken: Vielleicht ist diese Art von Baby-Bildern ja auch Teil einer Problemlage, über die wenig gesprochen wird? Es gibt das Krankheitsbild der Nachgeburtlichen Stimmungskrise bis hin zur Wochenbettdepression, welche auch dadurch erzeugt wird, dass die gesellschaftliche Stimmung(oder eben die von Freunden und Familienangehörigen) eine freudestrahlende junge Mutter erwartet, die sich über den schönsten Tag ihres Lebens freut und nicht irgendwelche Ängste thematisiert. Und auch wenn Eltern diese heile-Welt-Stimmung in eigenen Bildern transportieren, heißt das noch nicht, dass sie ihr auch gewachsen sind.
Wenn ich mal in einem Eltern-Beitrag irgendwo im Internet lese, dass das Leben mit Heranwachsenden neben der Freude auch vielerlei Lasten bereithält, finden sich oft dankbare Kommentare darunter von anderen Eltern, die sich sonst kaum trauen, diese Sorgen anzusprechen.
Wenn wir eine einseitige Art von Bildern bevorzugen, heißt das ja nicht, dass diese spezielle Sicht falsch ist, aber es führt uns in die Gefahr, einen realistischen Blick auf das Leben aus den Augen zu verlieren.
Ganz klar ist mir das dieses Jahr noch einmal bei den beiden Schulschließungen geworden: Die jungen Eltern in meiner Firma sind zwar dankbar, dass sie durch das Homeoffice ihre Zeit zu Hause flexibel zwischen Arbeit und Familie einteilen können. Aber 2×40 Wochenstunden Arbeit zu leisten, ohne die Kinder zu vernachlässigen – diese Rechnung geht bei allem technischen Fortschritt einfach nicht auf! Eltern brauchen Hilfe, auch wenn sie sonst gerne wunderschöne Kinderbilder herumzeigen.

Süßer Jesu, auserkor’n,
weißt wohl, dass wir war’n verlor’n,
still uns deines Vaters Zorn,
dich hat gebor’n die reine Magd Maria.
Eia! Eia!

Was heißt das nun für das oben besprochene Bild? Wir dürfen selbst entscheiden, ob wir es für eine gelungene Bebilderung der heiligen Nacht halten. Aber wir sollten dankbar sein für jeden Anstoß, einmal einen anderen Blickwinkel einzunehmen, einmal die gewohnten Gleise zu verlassen. Es kann uns ermutigen, Maria in ihrem entschlossenen Einsatz für das Leben des Erlösers zu bewundern und ihre körperlichen Anstrengungen mitzuerleiden.

In der katholischen Kirche ist vieles weise eingerichtet. Und so hören wir in der Lesung des heutigen Tages auch etwas, das auf den ersten Blick gar nicht zu Weihnachten passt:

Lesung aus der Apostelgeschichte 6, 8–10; 7, 54–60 (Link):

[..] Die Steinigung des Stephanus

54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn. 55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los, 58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.  59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

Auch der Tod des Stephanus zeigt uns, dass es mit Weihnachten nicht so einfach ist, wie uns die Jubelgesänge der Engel vielleicht verlockt haben zu glauben. Und wie oben beschrieben, werden wir ein besseres Bild vom Wirken des Erlösers haben, wenn wir beide Bilder nebeneinanderlegen und betrachten.

Bitten wir den Herrn um seinen Segen:

Herr der Heerscharen, Du hast Maria die Kraft gegeben, unter Schmerzen den Erlöser zur Welt zu bringen.
Du hast Stephanus die Kraft gegeben, unter Schmerzen Deinen Namen anzurufen und für seine Verfolger zu beten.
Schenke auch uns die Kraft, nach beiden Seiten der Medaille zu fragen und zu schauen, um Dich besser zu erkennen.
Leuchte uns dazu mit Deinem hellen Licht.
Amen.

Zum Abschluss GL 256: Ich steh an deiner Krippe hier

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dir’s wohlgefallen.

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen!

(Christoph Nitsche)