Wallfahrt zum Kloster Marienstern in Mühlberg

Wallfahrt zum Kloster Marienstern (pdf)

Ein Bus mit 30 Leuten fährt bei herrlichem Sonnenschein durch eine spätsommerliche Landschaft mit mehreren hübschen kleinen und größeren Orten. Aber wo sind die Menschen an diesem Sonnabend-Vormittag? Auf den Straßen und in den Gärten ist niemand zu sehen. In einem dieser menschenleeren Orte hält der Bus. Wir sind am Ziel, in Mühlberg an der Elbe mit dem Kloster Marienstern.

Wir sind angemeldet, und so werden wir erwartet. Ein freundlicher Herr begrüßt uns, Pater Alois Andelfinger vom Orden der Claretiner. Claretiner? Nie gehört. Dabei handelt es sich um einen der bedeutendsten Missionsorden der Neuzeit, gegründet 1849 von dem Spanier Antonius Maria Claret. Die Buchstaben CMF bedeuten: Cordis Mariae Filii, (Söhne des Unbefleckten Herzens Mariä). Auf die Frage, wie viele Mönche im Kloster leben, antwortet der Pater ausweichend: „Das wechselt, manchmal sind es drei, dann geht einer weg oder es stirbt einer, dann kommt wieder einer dazu.“ Derzeit sind sie zu zweit, er und ein Pater aus Indien. Pater Alois ist offenbar der Chef für alles. Später wird er sich eine Schürze umbinden und uns das Mittagessen servieren.

Aber vorher, nachdem wir Hl. Messe gefeiert haben, bekommen wir eine wunderbar lebendige Führung durch die große, einschiffige Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert. Nach der Reformation diente sie als Pfarrkirche, zu DDR-Zeiten wurden die Gebäude von der LPG genutzt. Seit 1979 gab es Sicherungsmaßnahmen, 1992 begann man mit Restaurierungen. Seit 2000 leben Patres hier.

Wir betrachten die Zeugnisse der früheren Jahrhunderte, die Ornamente – allein mit Ziegeln gemauert – , die Knospenkapitelle, die zum Altar hin immer reicher werden, die Fenster aus dem 19. Jahrhundert mit Maria und Martha. Der Kirchenraum ist leer, bei Veranstaltungen stellt man Stühle hinein. Im Chorraum fällt mir ein Baumstamm auf, mannshoch, gerade abgesägt, mit Rinde. Das finde ich seltsam und frage nach. „Ja, den brauchen wir“, bekomme ich zur Antwort. Beim zweiten Blick erkenne ich: das ist der Osterleuchter. Oben gibt es einen Metallteller mit einem Dorn. Nun sehe ich auch weitere, kleinere Stücke. Sie dienen als Tische. Dieser zersägte Stamm kommt von einem Baum, der am 24. Mai 2010 umstürzte, als eine Windhose binnen 7 Minuten Mühlberg verwüstete. Damals wurde auch der Dachreiter heruntergerissen und hinterließ ein großes Loch im Kirchendach.

Der Kreuzgang ist ein moderner Bau aus Stahl und Glas. Hier sind zwei Holzskulpturen aufgestellt: eine Madonna, die dem Betrachter das Jesuskind hinhält, und in Blickbeziehung dazu ein Kreuz und daneben der Auferstandene mit weit ausgebreiteten Armen.

Wir liegen gut im Zeitplan, und so bekommen wir noch etwas Besonderes gezeigt. Der Pater verschwindet hinter einer Tür, kurze Zeit später wird sie aufgetan, und wir befinden uns im Weihnachtsland. 800 Krippen sind hier aufgebaut. Der Sammler war verstorben, die Familie musste das Haus leer machen, und so stehen sie nun hier, liebevoll mit viel Mühe aufgebaut, die meisten ohne Beschriftung. Die einst vorhandenen Schilder wurden in einem extra Karton angeliefert und lassen sich nun nicht mehr zuordnen.

Natürlich kann man nicht in Mühlberg sein, ohne an die berühmte Schlacht des Schmalkaldischen Kriegs zu denken. Am 24. April 1547 gewann Kaiser Karl V. hier die einzige von ihm selbst geschlagene Schlacht seines Lebens. Darüber kann man sich kundig machen im Stadtmuseum. Es befindet sich in einem ehemaligen Klostergebäude, der Neuen Propstei von 1531. Hier gibt es auch zwei Filme über das Kriegsgefangenenlager Stalag IVB der deutschen Wehrmacht, das 1945 im April von der Sowjetischen Militäradministration als Speziallager 1 weiter betrieben wurde. Das Lager ist heute Gedenkstätte; für den Besuch müsste man einen halben Tag einplanen.

Wir wollen aber noch zu einem der schönsten Dörfer Sachsens, nach Lorenzkirch. Ende des 10. Jahrhunderts wurde hier an der Elbe auf einer Talsanddüne eine Holzkirche gebaut, die Laurentiuskirche, und der zugehörige Laurentiusmarkt begründet. In der heutigen Kirche, die im Kern romanisch ist, erwartet uns eine freundliche Frau und macht uns bekannt mit der Geschichte ihrer Heimat. So erfahren wir, dass die erste Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Truppen auf deutschem Boden am 25. April 1945 um 12.00 Uhr auf den Elbwiesen von Lorenzkirch stattfand, also noch vor Torgau.

Wir bewundern den Schmuck für das Erntedankfest, besonders die prächtige Erntekrone, die immer wieder aufgearbeitet wird, weil man heute die dazu nötigen Getreidehalme nicht mehr bekommt. Die Kirche diente immer wieder als Zufluchtsort bei Hochwasser, besonders die großzügigen Emporen. Auf die Bänke hat man Bretter gelegt und so eine Plattform geschaffen. Die Frage vom Morgen bleibt unbeantwortet: Warum wirken die Orte alle so menschenleer? Der Pater schmunzelnd: Es sieht aus, als wäre ein Lautsprecherwagen durch die Straßen gefahren und hätte verkündet: Alle sollen in den Häusern bleiben, es kommen Touristen aus Dresden.

Wir sind aber keine neugierigen Touristen, wir sind auf Wallfahrt und schauen mit Liebe und Respekt auf diese geschichts- und heilsgeschichtsträchtigen Orte.

Ilse Boddin