Wenn es wirklich so ist…

Wenn es wirklich so ist, dass wir unser Gemeindeleben und alles, was wir bisher für unumstößlich in „unserer Kirche“ hielten, neu denken dürfen,…
…will ich es versuchen und ich staune, dass ich ganz tief in mir, Sehnsüchte habe, denen wir in dieser Umbruchsituation sogar näher sind, als je zuvor.

Wenn es wirklich so ist, dass die persönliche Christusbegegnung im Mittelpunkt unseres Glaubens steht,…
… kann ich ganz persönlich eine Entscheidung fällen. Ich sehne mich nach Zeit, in der ich so zur Ruhe komme, dass einmal alles in mir schweigt und ich einfach nur da bin. So gut wie nie erlebe ich diese Ruhe in meinem Alltag und eigentlich auch nicht, wenn ich meine, ganz da zu sein. Auf Schritt und Tritt überlege ich, was ich als Nächstes tue, was gut und richtig ist und alles scheint so wichtig, dass ich es nicht einmal für kurze Zeit weglegen will. Dennoch weiß ich, dass ich nur aus meiner geistlichen Mitte leben kann und einer auf mich wartet, nach dem ich mich sehne und der mich ausrichtet, wenn ich das zulasse.

Wenn es wirklich so ist, dass Christus da ist, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind,…
…können wir in vielen Situationen mit ihm an einem Tisch sitzen. Je weiter ich in meinem Leben zurückgehe, desto mehr erinnere ich mich an gemeinsame Gebete irgendwo in der Natur, Dankandachten in den Kirchen, die wir unterwegs besuchten und vor allem gemeinsames Singen in kleinen Gruppen, z.B. mit unserem Familienkreis. Ganz tief in mir habe ich Sehnsucht nach einem geistlichen Austausch in Gemeinschaft und nach Tiefe in unseren Begegnungen. Ich möchte meine oft große Freude und Dankbarkeit mit Anderen teilen. Doch oft fehlt mir der Mut darüber zu sprechen und den ersten Schritt zu tun.

Wenn es wirklich so ist, dass wir alle Priester, Könige und Propheten sind,…
…können wir auch da Kirche sein, wo es keine „versorgte“ Gemeinde mehr gibt. Ich bin begeistert von der Idee, dass sich in allen Regionen unserer Pfarrei, ja weltweit, kleine Gemeinschaften in der Nachbarschaft bilden, die ihre geistliche Sehnsucht teilen, miteinander leben und vielleicht eine Idee entwickeln, was sie füreinander und für die Menschen ihres Umfeldes tun können. Gern ökumenisch. Im Stadtteil Klotzsche haben wir mit diesem Weg begonnen. Wir überlegen gemeinsam, wie wir Gemeinde sein wollen und viele fühlen sich als Katecheten, Gruppenleiter oder mit ihren beruflichen Kompetenzen verantwortlich. Ich staune über die Charismen aller und vor allem darüber, wie gut alles zusammenpasst, wenn wir aufeinander achten und uns immer wieder ausrichten. Ich träume davon, dass solche Gemeinschaften eigenverantwortlich aus der Christusmitte leben und dass es gute Begegnungen zwischen einzelnen Gemeinschaften gibt. Nicht jeder wird so denken, aber ich kann mir vorstellen, dass dann eine Pfarrei auch sehr groß sein kann und es nur ein geistliches Zentrum gibt, dass z.B. priesterliche Dienste bereithält.

Wenn es wirklich so ist, dass wir in den Sakramenten bedingungslos Liebe, Freude und Kraft, Vergebung und Heilung erfahren,…
… müssen wir diese Gaben empfangen und weiterschenken. Ich wünsche mir in der Trauer über die augenscheinlichen Verluste, in dem Ärger über die vielen menschlichen Grenzen und in der Angst vor der Eigenverantwortung, Gottes Nähe und Handeln.

Nicht immer sehe ich den Umbruch als Chance, aber es macht mich froh, wenn ich meine Freiheiten wiederentdecke, die ganz nah an dem sind, was ich eigentlich will.

Claudia Hanke