Wonach haben wir Hunger?

Gedanken eines Theologen aus Paderborn (leicht gekürzt)

Fronleichnam 2019

Mit Blick auf die Eucharistie, mit Blick auf die weniger werden Priesterzahlen fällt in manchen Diskussionen ein bedenkenswertes Wort; das Wort vom „Eucharistischen Hunger“.
Es meint, dass Menschen nach der Eucharistie hungern.
Dieser Tage las ich dazu einen interessanten Kommentar:

„Eucharistischer Hunger der Menschen! Gehöre ich zu den Hungrigen? Wenn ich ehrlich bin: Nein.
Ich saß oft in der Gemeinschaft der Mahlhaltenden und habe mich inmitten vieler Menschen, die von Gemeinschaft sprachen, sehr allein gefühlt.
Dann habe ich in zwanzig Jahren nur sporadisch versucht, einen Ort zu finden, an dem ich einen Gottesdienst mitfeiern kann und musste mich oft dagegen entscheiden, denn es hat mir nicht gut getan. Es hat mir meistens auch nicht wirklich gefehlt.
Jetzt feiere ich wieder öfter Gottesdienste mit und stelle fest, dass ich am liebsten in Gottesdiensten ohne Eucharistie bin.
Er ist einfach nicht da, der eucharistische Hunger.
Ich habe eher Hunger nach Ehrlichkeit, nach Offenheit…“

Mich macht dieser Kommentar nachdenklich.
Wonach hungert uns, die wir hier sind?
Wonach hungert Menschen, die sich sonntags in den Kirchen einfinden?
Und wonach hungert Menschen, die sich eben nicht einfinden?
Und ist dieser Eucharistiehunger irgendwo im Menschen verankert,
oder durch Jesus damals erst geweckt oder gemacht worden?
Nur bei bestimmten Menschen?
Oder haben ihn alle – und merken es nur nicht?

Vielleicht hat sich die Praxis unserer eucharistischen Mahlfeiern tatsächlich verschoben.
Bei uns sind sie an bestimmte Voraussetzungen gebunden, wir beteuern vor jedem Kommunionempfang unsere Unwürdigkeit.
Unumstritten: wir feiern nicht unsere Verdienste vor Gott, Gott selbst schenkt sich uns – wir bleiben die Empfangenden.
Aber die Mahlfeiern Jesu betonen genau dies mit einem anderen Unterton, nicht mit einem, der vor Gott klein macht; stattdessen mit einem Ton, der aufatmen lässt, der bedingungslose Liebe spürbar macht, der vermittelt: hier kann ich sein, hier kann ich ich sein.
Darum kehrt Er in das Haus des Zöllners Matthäus ein, darum isst Er mit Zöllnern und Sündern,
was man Ihm aufs heftigste ankreidete und vorwarf.
Selbst die sich im Abendmahlssaal einfindende Versammlung ist eine deutliche:
dabei einer, der kurze Zeit später Jesus ausdrücklich verleugnet,
dabei einer, der geplant hat, wie Er Jesus ausliefern kann.
Beide sind – wie die anderen auch – Gäste am Tisch Jesu.

Wir sehen: die Tafel der Mahlfeiern Jesu zieht keine Grenzen.
Und wenn Er Seine Jünger bis an alle Enden der Erde sendet,
um Menschen zu taufen, um sie sozusagen in Berührung mit Ihm zu bringen, dann findet darin Seine Praxis einen Auftrag;
dann ist das die Einladung zum himmlischen Hochzeitsmahl,
dem großen Fest des ewigen Ankommens bei Gott,
das in den irdischen Feiern ein Stück vorher genommen wird.

Wie sehr haben sich unsere Eucharistiefeiern dahingehend entwickelt, dass die Erlaubnis, wer daran teilnehmen und wer die Eucharistie empfangen darf,in den Vordergrund gerückt ist –
und das verbindende Gemeinschaftsmahl, das den Hunger nach Offenheit und Ehrlichkeit auf Jesus lenkt, das die Bedürftigkeit des Menschen im Blick hat, in den Hintergrund gerückt hat.

Und ein paar persönliche Gedanken (auch nach den Eindrücken der Pfarreiversammlung am 18. Juni):

  • Nach was habe ich Hunger? Nach was hat die Gemeinde Hunger?
  • Sind es die Strukturen die wir über den Inhalt stellen?
  • Wollen wir nur den Status Quo erhalten, sind wir so satt?
  • Wonach haben die 175.000 Menschen in unserem Gebiet Hunger?
  • Und folgen wir Jesu Worte: „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14,16 bzw. Lk 9,13)

Gerne würde ich mit Ihnen ins Gespräch kommen, wonach wir wirklich Hunger haben und wie wir den Auftrag Jesu erfüllen wollen „ihnen zu Essen zu geben”.

Alexander Narr
alexander.narr@st-martin-dresden.de

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