
Was für ein anschauliches Gleichnis im Evangelium: siehe Mt 11, 25
Da hat der Bauer gesät, ein anderer hat Unkraut dazu gesät. Als die Knechte das Unkraut ausreißen wollen, sagt Jesus:
„Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.
Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“
1. Lesung: Weish 12, 13.16–19
2. Lesung: Ps 86 (85), 5–6.9–10.15–16 (Kv: 5a)
Predigt von Diakon Christoph Nitsche:
Am letzten Wochenende bin ich einmal quer auf Landstraßen durch Sachsen gefahren,
und da schaut man natürlich auf die Felder am Wegesrand.
Was ist das überhaupt? – das ist für mich als Stadtkind immer die erste Frage.
Aber natürlich will man auch wissen,
ob das Getreide und der Raps oder Mais
seinen Ertrag bringt und wir gut zu essen haben.
Für mich ist es immer noch ein Wunder,
dass aus den unscheinbaren Halmen und Körner genug Mehl wird,
damit ich beim Bäcker das ganze Jahr
Brot und Kuchen kaufen kann und Millionen andere Menschen hier auch.
Aber bei so einer Fahrt sieht man auch,
wieviel Arbeit dafür zu leisten ist,
denn wir haben auch die Mähdrescher fahren sehen,
Hochtechnologie in einem Jahrtausende alten Handwerk.
Auch Jesus spricht heute von der Ernte auf den Feldern.
Er spricht von Weizen und Unkraut
und wählt damit ein Thema für sein Gleichnis,
mit dem die Menschen seiner Zeit gut vertraut waren.
Aber während das zumindest in guten Erntejahren ein eher idyllisches Thema ist,
will er eigentlich etwas über das Zusammenleben der Menschen sagen
und über das Ende aller Zeiten.
Denn ein Feind hat Unkraut auf den Feldern wachsen lassen
mitten unter dem guten Weizen
und die Diener kommen und wollen es ausreißen. Aber der Herr verbietet es ihnen.
Die Feststellung, was hier Weizen und was Unkraut sei,
die wird am Ende der Zeiten getroffen und nicht eher.
Das ist eine Aufgabe für die himmlischen Heerscharen,
für die Engel, und nicht für Menschen.
Dabei urteilen wir doch so gerne.
Je nach persönlichen Vorlieben
können wir rasch ein Urteil über andere Menschen fällen anhand ihrer Socken,
ihrer Frisur, ihres Körpergewichtes, ihrer Tätowierungen, ihres Autos,
ihrer Lieblingsmusik oder ihres Fußballvereins.
Haben sie einmal kurz gezuckt und sich wiedererkannt?
Dabei habe ich die großen Feindbilder wie Herkunft,
Wohlstand und Armut, Religion oder gelebte Sexualität noch gar nicht genannt.
Vielleicht haben wir solcherlei Vorurteile auch besser unter Kontrolle,
aber wenn eine ein veganes Steak und einer daneben ein Schweinesteak
auf den Grill legen, dann ist der Frieden schnell dahin.
Dabei ist unsere Urteilskraft begrenzt, meint Jesus.
Und Paulus schrieb vorhin im Römerbrief,
dass wir nicht einmal in der Lage sind,
ein ordentliches Gebet zu sprechen.
Zum Glück tritt der Geist mit einem unaussprechlichen Seufzen für uns ein
und bringt unsere Anliegen vor Gott.
So dürfen wir beherzt und mit Hoffnung beten,
das wird gelingen, wenn auch nicht aus unserer eigenen Kraft heraus.
Aber das Urteilen über andere Menschen sollen wir unterlassen,
dass bleibt Gottes Allmacht vorbehalten.
Wenn man doch selber richtet und damit
nicht an Gottes unbeschränkte Macht glaubt,
dann straft Gott diese anmaßende Auflehnung,
so haben wir es vorhin aus dem Buch der Weisheit gehört.
Der Text macht uns ansonsten aber Mut –
wer sich in die Gnade Gottes begibt,
lernt ihn als menschenfreundlich kennen,
der Hoffnung schenkt und uns einlädt,
ebenso menschfreundlich an unseren Nächsten zu handeln.
Was bedeutet das?
Ich soll selbst keinen Menschen verurteilen.
Wo Gott abwartet, soll ich nicht abschließend richten.
Ich denke, das konnte man bis jetzt gut als Erkenntnis mitnehmen.
Aber was für uns gilt, das gilt auch für Organisationen.
Müssen wir dann alle Gerichte abschaffen?
Ich denke nicht.
Im besten Fall urteilt ein Gericht über einzelne Taten eines Menschen
und verhängt gegebenenfalls eine Strafe für Gesetzesübertretungen,
aber es soll nicht den Menschen insgesamt bewerten und aburteilen.
Im besten Falle, und da sind wir in unserem Land in der Praxis
oft noch weit entfernt, soll es nach Kräften versuchen,
verurteilten Straftätern einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ebnen,
damit ein Mensch aus seinen Fehlern lernen
und hoffentlich doch noch einen guten Platz im Leben finden kann.
Und das gilt natürlich auch für andere Organisationen und auch für die Kirche selbst.
Sie darf die Schrift auslegen und deuten,
welche Handlungen richtig und falsch sind.
Aber schwierig wird es,
wenn man so zu einem Gesamturteil über Menschen kommt.
Ich denke, das ist auch der Grund,
warum es zwar Heiligsprechungen gibt,
weil die Kirche die Taten im Leben eines Menschen als gottgefällig bewertet
und daraus den Schluss zieht,
dass nach menschlichem Ermessen hier ein wahrer Glaube an Gott erkennbar ist,
aber die Kirche sagt umgekehrt über keinen Menschen,
dass er oder sie wohl der ewigen Verdammnis anheimgefallen sei.
Das steht ihr eben nicht zu,
wenn ich das Evangelium heute richtig ausgelegt habe.
Um so schwieriger wird es dann natürlich,
wenn die Kirche einzelnen Menschen
dieses oder jene Sakrament verweigert,
weil da etwas Grundsätzliches nicht in Ordnung sei.
Ist das noch zulässig oder schon anmaßendes Richten?
Eines nehme ich aus dem Evangelium heute auf jeden Fall mit:
Wenn Ihnen jemand sagt,
sei es ein Mensch oder eine Institution,
dass Sie grundsätzlich nutzlos oder fehlerhaft seien,
Unkraut eben, dann glauben Sie es nicht.
Je pauschaler Sie jemand angreift,
um so zuversichtlicher können Sie sagen:
Das soll einmal der liebe Gott entscheiden und nicht Du!
Und wenn Sie „lieber Gott“ für eine nicht besonders passende Bezeichnung
für den Herrn der Heerscharen und Schöpfer der Welt halten,
dann finden wir gleich noch eine bessere Formulierung mit den Worten der ersten Lesung.
Aber eine Sache will ich noch sagen:
Auch wenn Sie sich selbst in schweren Stunden einmal oder sogar häufiger
für sündhaft, nutzlos, nicht liebenswert, verloren oder unzureichend halten,
dann sagen Sie sich bitte auch selbst:
„Dieses Urteil steht mir nicht zu!
Was ich als Mensch wert bin,
das wird der starke und unbeschränkt mächtige, der milde und menschenfreundliche Gott
einmal in großer Schonung feststellen.“
Amen.
Christoph Nitsche







