Liebe Gemeinde, liebe Mitchristinnen, liebe Mitchristen, lieber Pfarrer Prause,

„eigentlich“ wollte ich in dieser Saison nicht hier stehen und etwas zum Nachtcafé sagen. Eigentlich. Und wie das so ist – das Leben hatte einen anderen Plan.
Mein Name ist Ruben Enxing, ich bin in unserer Gemeinde einer der Koordinator:innen des Wohnungslosen-Nachtcafés. Das Nachtcafé ist eine Möglichkeit für Bedürftige, abends etwas Warmes zu essen zu bekommen, im Gemeindezentrum zu übernachten und am Morgen gestärkt mit einem Frühstück wieder raus zu gehen. Von November bis März bieten sieben Dresdner Gemeinden seit 30 Jahren diese Möglichkeit an. In unserer Gemeinde in der Nacht von Sonntag auf Montag. Und wir werden von vielen Menschen unterstützt: Von Ehrenamtlichen, die Woche für Woche mithelfen, von Menschen, die uns mit Geld- und/oder Sachspenden unterstützen, von Menschen, die uns mit ihrem Gebet begleiten. Danke! Danke allen, die sich um uns kümmern!

Weshalb stehe ich wieder hier, wo ich es doch eigentlich nicht wollte. Nun, wegen der Frage oder Aussage, die mir immer mal wieder begegnet: „In Deutschland muss doch niemand wohnungslos sein!“ Und auf diese Aussage und die dahinter stehende Frage: „Wie kommt es, dass ‚trotzdem‘ Menschen wohnungslos sind?“ gibt es so viele Antworten, wie es Menschen gibt, die draußen leben. Drei Gründe möchte ich Ihnen heute nennen:

Erstens: Aus Liebe
Ein Mann lebte mit seinem Hund in einer Wohnung. Ganz normal. Wie man halt so lebt. Der Hund war sein Ein und Alles. Er lebte mit ihm, sie freuten sich, wenn sie sich sahen oder auch nur hörten. Der Hund war nicht nur Teil, er war seine Familie. Eines Tages war der Hund nicht mehr da. Es stellte sich heraus, dass er tot war. Umgebracht. Durch einen Giftköder. Ich weiß nicht, ob Sie das nachempfinden können, was das bedeutet. Was es bedeutet, wenn der liebevolle Blick, den der Hund Ihnen schenkt, auf einmal nicht mehr da ist. Wenn Sie zur Tür reinkommen und sie nicht mehr freudig begrüßt werden. Wenn Sie die Einsamkeit spüren, wenn sie allein die Runde gehen, die Sie vorher zu zweit gegangen sind. Er erzählte seinem Nachbarn von seinem Verlust. Und dieser kommentierte mit: „Dann hat mein Giftköder ja endlich gewirkt.“ (Pause)
Der Rest ist schnell erzählt: Es sind ein paar Sicherungen durchgebrannt. Der Nachbar endete im Krankenhaus und der Mann im Gefängnis. Und nach dem dortigen Aufenthalt auf der Straße.

Zweitens: Aus Hass
Ein Paar lebt in der gemeinsamen Wohnung. Und wie es manchmal so geht, ein Wort gibt das andere, Missverständnisse können nicht mehr beseitigt werden, werden immer größer und aus der anfänglichen Liebe wird Hass. Bis es soweit kommt, dass sie eines Morgens die Schlösser auswechseln lässt. Ende der Beziehung. Und Ende der gemeinsamen Wohnung. Anfang der Wohnungslosigkeit. Er hatte Glück im Unglück. Kennt genügend Menschen, hat eine Arbeit und weiß sich zu helfen. Dennoch: Bis er eine neue Wohnung hat, vergehen einige Monate, die er auf diversen Couches zubringt.

Drittens: Aus Glaube
Sie ist Psychologin. Hat promoviert. Und die Aufgabe, Soldaten, die in Afghanistan waren und traumatisiert sind, wieder fit zu machen für den nächsten Einsatz. Eine Aufgabe, unter deren Last sie zerbricht. Wie kann jemand Menschen dabei helfen gesund zu werden, damit diese dann wieder in ein Kriegsgebiet gehen, um wieder Gewalt zu erleben beziehungsweise Gewalt auszuüben? Und die Frau, nennen wir sie Barbara (das ist nicht ihr richtiger Name, keine Sorge), hört Gottes Botschaft: Lass alles hinter dir und folge mir nach! Und sie nimmt Gott beim Wort – kündigt ihr Bankkonto, ihre Wohnung, ihre Arbeit. Sie nimmt den Ruf ernst. Und wir erinnern uns: „ER wurde in eine Krippe gelegt, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ – Sie flohen nach Ägypten, weil Herodes jeden erstgeborenen Knaben umbringen ließ. Und auch das heutige Fest, die Taufe des Herrn, findet nicht in der heimeligen Atmosphäre einer Synagoge oder des Tempels statt, sondern draußen am Jordan. Obdachlose unter sich. Und im Laufe des Jahres wird es dann heißen: „Der Menschensohn aber hat keinen Platz, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Und: „Geh, verkauf alles, gib den Erlös den Armen und folge mir nach.“
Barbara hat Ernst gemacht – sie hat alles aufgegeben und ist ihm nachgefolgt.

Drei Beispiele. Drei Gründe, weshalb Menschen auf der Straße leben. Drei Schicksale von vielen.

Amen.

Ruben Enxing