„Eingefaltet ist alles in ihm. Ausgefaltet ist er in allem.“

Weltenrichter Christus in St. Martin Kirche
Du, Gott in der Ferne – komm uns entgegen.
Du, Gott in der Nähe – begegne uns.
Du, Gott in unserer Mitte – rühre uns an.
Du, Gott in uns – bewege uns.
Sei uns Atem,
sei uns Kraft,
gib uns Mut, der Zukunft schafft.
Amen.

Welche Bilder von Gott tragen wir in uns?
Genauer gefragt heute:
Wie hat sich Jesus Christus abgebildet in mir, bewusst und unbewusst,
durch Erziehung, Umwelt, Kirche, religiöse Kunst – und unsere Lebenserfahrungen?

Mit diesem Gebet, diesen Fragen begann die Frauen-Liturgie am Abend des 15. Mai 2020. Es war für mich der 1. Gottesdienst nach langer Corona-Pause und ich fühlte mich so wunderbar geborgen in diesem Raum. Das gesprochene Wort von meiner Nachbarin rührte mich tief an. Die Klänge des Klaviers, des „Laudate omnes Gentes“ – der Nachhall, den ich so liebe … Ja das konnten die vielen guten Tagesliturgien auf der Webseite nicht ersetzen.

Nach der Lesung Lesung: (Kol 1, 12-17) wurde mein Gottesbild angefragt. Dabei spannte Rebekka-Chiara Hengge den Bogen viel weiter als das farbige Mosaikbild an unserem Altar. Hier Ihr Script:
„Jesus, der Christus“, so unser Titel heute.
Diese Formulierung lese ich immer häufiger in der theologischen Literatur. Was könnte gemeint sein?
Meist hat sich der historische JESUS in uns abgebildet, wie ihn die Evangelien beschreiben.
Geboren in Betlehem, aufgewachsen in Nazareth bei Maria und Josef. Wanderprediger, der Menschen in seine Nachfolge ruft und Wunder tut.
Die Jesusgeschichten der Bibel sind uns nahe. Viele von uns kennen sie seit Kindheitstagen.
Er verkündet Gott als den liebenden Vater.
Jesus, der als Gottmensch stirbt und aufersteht.
Und Christus? Wer ist dieser CHRISTUS (übersetzt: der Gesalbte)?
Mein Eindruck: Christus ist uns viel weniger bekannt. Christus lebt viel weniger in den Bildern unserer Innenwelt.
Christus ist IMMER schon. Er ist noch vor der Schöpfung.
Alles ist durch ihn geschaffen. In IHM hat alles Bestand. Er ist Alpha und Omega, Anfang und Ende. Und alles wird am Ende der Zeit in Ihm zusammengeführt, mit ihm vereint.

Die Apostelgeschichte sagt:
„In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir“. (Apg 17,28)
Christus ist also die „Ur-Wirklichkeit“.
Christus ist der Herzschlag der Welt und das Zentrum jedes Atoms, die evolutionäre Kraft in allem.
Die Theologen und Mystiker sprechen vom „universalen“, vom „kosmischen Christus“. „Jesus, der Christus“.
Für unseren Glauben im 21. JH. sind dies zentrale Aussagen und Bilder, die wesentlich zu unserer Glaubensentwicklung beitragen können. Sie erschließen uns eine Tiefe und Weite, eine Größe, die weit über den historischen Jesus hinausreichen.
Er ist „alles in allem“. Oder wie der Theologe und Mystiker Nikolaus von Kues (15. Jh.) es ausdrückt: „Eingefaltet ist alles in ihm. Ausgefaltet ist er in allem.“
Rebekka-Chiara Hengge

In den Gesprächen im Abendlicht vor der Kirche in dem erforderlichen Abstand nehme ich wahr, wie sehr die Corona-Zeit uns verändert hat. War ich am Beginn so beeindruckt, dass wir so viele lieb gewonnenen Dinge absagen konnten, und uns auf uns selbst konzentrieren konnten, nehme ich jetzt wahr, wie sehr die Sorge um Ansteckung, die Angst vor … sich überall eingeprägt hat.
Und im Bild meines jüngsten Enkelsohnes, der unbefangen auf mich zu kommt und umarmt werden will, bedaure ich es, dass soviel Kopf sich in unsere zwischenmenschlichen Beziehung schleichen und wünsche uns nicht zu sehr zu glauben mit Sicherheitsvorschriften das Leben absichern zu können.

Bleiben Sie gesund und bestärkt im Vertrauen auf diesen Christus, der vor, neben, unter und über uns ist.
Uta Graba

Nächster Termin Frauen-Liturgie: 18.Sept. 2020
FrauenWeggemeinschaft ist hoffentlich bald wieder jeden 3. Freitag im Monat um 19:30 Uhr